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Dominique Bourel

Martin Buber

Was es heißt, ein Mensch zu sein
Biografie

Aus dem Französischen übersetzt
von Horst Brühmann

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Titel der Originalausgabe:

Dominique Bourel: Martin Buber. Sentinelle de l’humanité

© Editions Albin Michel, Paris 2015

Die Arbeit des Übersetzers an dem vorliegenden Band wurde vom Deutschen Literaturfonds Berlin mit einem Arbeitsstipendium gefördert.

Die Übersetzung dieses Werkes wurde vom Centre National du Livre (CNL) maßgeblich gefördert.

Copyright © 2017 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81 673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagfoto: © Paul Schutzer/gettyimages.com

Bildteil: © der Vorlagen by The National Library of Israel, Jerusalem/Israel; der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Tamar Goldschmidt/Israel

ISBN 978-3-641-20056-5
V002

www.gtvh.de

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

Martin Buber

Zum Gedenken an Fr. Marcel Dubois, O. P.,

Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem

INHALT


Einführung

Eine vielschichtige Rezeption

Durch zwei Jahrhunderte

ERSTER TEIL

I. Eine ostjüdische Kindheit

Eine galizische Kindheit

Haskala und Orthodoxie

Salomon Buber

Erste Studien

Zwischen Natur und Philosophie

II. Eine jüdische »Renaissance« im Europa der Wissenschaft

Leipzig

Ein Berliner Sommer

Die Begegnung mit Achad Haam

Der Berliner Zionismus

Die Zukunft des Judentums

Die Begegnung mit Paula

Der III. Zionistenkongress

Wieder in Berlin

Vom Simmel-Privatissimum zur jüdischen Renaissance

Der Zionist und der Anarchist

Die jüdische Renaissance

III. Die Seele des Zionismus nähren

Jenseits des diplomatischen Zionismus

Erste Konfrontation mit Nordau

Die offizielle Gründung der Demokratischen Fraktion

Das Verhältnis zu Herzl

IV. Die Hebung der jüdischen Kultur

Warum eine Hochschule?

Der Jüdische Verlag

Die Hochschule kommt voran … im Wechselschritt

Was ist jüdische Moderne?

V. Zionismus: Die Zeit der Zweifel und der Zerrissenheit

Die Folgen der Altneuland-Affäre

Die Konfrontation mit Herzl

Das Ende der Demokratischen Fraktion?

Die ugandische Versuchung

Die Zeit der Zweifel

Der Tod Herzls

Der Zionismus nach Herzl

VI. An den Vorposten der intellektuellen Welt

Herr Doktor Buber

Der Kardinal und der Schuster

Die Buchreihe Die Gesellschaft

ZWEITER TEIL

VII. Der Mann, der der Welt den Chassidismus nahebrachte

Unterwegs zum Chassidismus

Rabbi Nachman

Die Rezeption des Rabbi Nachman

Umzug nach Berlin

Eine sehr diskrete Heirat

Die Legende des Baalschem

Die Theorie des jüdischen Mythos

Die Schlüsselbegriffe des Chassidismus

Abermals eine begeisterte Aufnahme

Die Ekstatischen Konfessionen

Was ist Ekstase?

Von der Ekstase zum Mythos

VIII. Prag und die Reden über das Judentum

Bar Kochba

»Das Judentum und die Juden«104

»Das Judentum und die Menschheit«

»Die Erneuerung des Judentums«

Drei grundlegende Reden für die Juden Europas

IX. Vor dem Krieg: Zwischen universeller Kultur und Zionismus

Was ist Mystik?

Die chinesischen Werke

Die zionistische Tätigkeit

Nun ist wieder von der Hochschule die Rede

X. Was ist die Verwirklichung?

Die Begegnung mit Agnon

Mariä Verkündigung

Die Anthologie Vom Judentum

Das Kalevala und das Mabinogi

XI. Verblendungen und Desillusionierungen: Der »Große Krieg«

Der Forte-Kreis

»Kriegsbuber«

Die Mobilmachung der Intellektuellen

Verteidigung des Orients

XII. Die Gründung der Zeitschrift Der Jude

Heppenheim, ein Philosoph auf dem Lande

Die Rezeption von Der Jude

XIII. Deutsch-jüdische Symbiose versus Zionismus: Die Debatte mit Hermann Cohen

Volk gegen Staat

Max Brod, Stefan Zweig und der Kosmopolitismus

Die Judenzählung

An der Front der Kultur und der Jugend

Kafka in Der Jude

XIV. Vom Sieg des Zionismus zur Niederlage Deutschlands

Ein jüdischer Staat mit Kanonen, Flaggen und Orden?

Der Grundstein zur Hebräischen Universität

Incipit vita nova

Auf dem Weg zur Revolution?

DRITTER TEIL

XV. Zwischen Jerusalem und Weimar

Nach Palästina gehen?

Das tragische Ende Landauers

Der heilige Weg

Betrachtung über Jesus

Der Weg zur Freiheit

Religion und Glaube

Von der Universität zum Lehrhaus

XVI. Die Anfänge der arabischen Frage

Tagore in Deutschland

Die Verwirrspiele Englands

Die Debatte mit Scholem

Die arabische Frage im Mittelpunkt des Zionistenkongresses

Das Ende des politischen Buber?

XVII. Vom Lehrhaus zu Ich und Du

Das erste Weißbuch und die Ausbreitung des Antisemitismus

Der Aufstieg des Nationalsozialismus, schon jetzt

»Die Ruhe vor dem Sturm«

Die Genese von Ich und Du

XVIII. Ich und Du, das Hauptwerk

Die Quellen von Ich und Du

Die Rezeption von Ich und Du

Die Reden über das Judentum

Jude sein ohne das Gesetz?

XIX. Von einer Universität zur anderen

Das erste Berliner Pogrom

Eine »palästinensische Volkshochschule«?

Das verborgene Licht

Das Kind und die Erziehung

Die Eröffnung der Hebräischen Universität

Der Friedensbund Brit Schalom

XX. Die Bibelübersetzung

Zweistimmig übersetzen

Rezeption der Genesis

Die Kracauer-Affäre

XXI. Vom interreligiösen Dialog zur Entwicklung in Palästina

Die Kreatur

Die Zukunft Palästinas

Palästina, endlich!

Ein neuer Menschentyp?

Ein Lehrstuhl an der Hebräischen Universität?

Die Ehrung einer Generation

Heppenheim und andere Tagungen

Die Gespräche von Pontigny

Die Spannungen in Palästina nehmen zu

Ein bewegtes Familienleben

Das Hebräische, eine lebende Sprache

Den Frieden lehren

Der letzte Kongress

XXII. Der mörderische Sommer

Brit Schalom, ein Ausweg?

Plädoyer für eine neue menschliche Gemeinschaft

Die zionistische Führung in der Krise

Der Tod Rosenzweigs

XXIII. Vor dem Sturm

Dem Abgrund entgegen

Königtum Gottes

Fortgehen oder mit den Nazis debattieren?

Kampf um Israel

VIERTER TEIL

XXIV. Die tragische Beschleunigung der Geschichte

Der letzte jüdisch-christliche Dialog

Der Donnerschlag

Buber, »jüdischer Buchhändler«

Widerstand durch Erziehung

Glaube und politisches Leben

Antisemitismus: Die Zeit der Verwirrung

Die Wiedereröffnung des Lehrhauses

XXV. Die Zeit der Entscheidung

Redeverbot

Auf dem Weg zu einem Lehrstuhl für Soziologie

Die Frage an den Einzelnen

Die Übersetzung von Ich und Du

XXVI. Endlich Palästina!

Mit sechzig Jahren ein neuer Aufbruch

Jerusalem 1938

Der Kampf geht weiter

Kontroverse mit Gandhi

XXVII. Der Krieg von Jerusalem aus gesehen

Gegen den jüdischen Terrorismus

Das Echo des Krieges

Zur Einheit (Ichud)

Eine Zeit intensiver Kreativität

Angesichts der Schoa

XXVIII. Den Staat aufbauen oder die Welt reparieren?

Moses

Ein Jude in Europa

FÜNFTER TEIL

XXIX. 1948 – die Niederlage des Zionismus?

Abu Tor verlassen

Eine neue Ära beginnt

Der Weg des Menschen

XXX. Die Wiedereröffnung des Dialogs

Die Sorge um die Erziehung

Die Zeitschrift Esprit

Wiederaufnahme der Verbindung mit Deutschland

XXXI. Auf dem Weg zum Weltruhm

Zurück zum Problem des Bösen

Polemik mit Jung

Gottesfinsternis

XXXII. Die Araber als Nachbarn

Akademische Anerkennung

Die immer noch brennende arabische Frage

Ein komplexes Verhältnis zur religiösen Tradition

XXXIII. Der unermüdliche Reisende

Anthropologie und Psychiatrie

Die Konfrontation mit Heidegger

»Achtzig Jahre, das Alter der Kraft«205

Die dritte Reise in die USA

Ich und Du, fünfunddreißig Jahre später

Paulas Tod

XXXIV. Letzte Kämpfe

Das Nicht-Scheitern des Kibbuz und das Verhältnis zu Tolstoi

Die Juden der Sowjetunion

Das Mittelmeer, ein zweiter See Genezareth

Das Ende einer Epoche

Der Eichmann-Prozess

XXXV. Das Ende der Mission

Der letzte Wortführer eines anderen Zionismus

Die Ehrung der Generationen

Dialog mit Levinas

Die Kontroverse mit Scholem

Letzte Zeichen der Anerkennung

Schluss

Biographische Notizen

Anmerkungen

Literatur

I. Archive

II. Bibliographien

III. Schriften Martin Bubers

IV. »Buberiana«

V. Weitere Literatur

Danksagung

Namenregister

Bildteil

EINFÜHRUNG


Im September 1960 kommt ein kleiner zweiundachtzigjähriger Mann mit dem Antlitz eines jüdischen Propheten nach Paris, um einen seiner letzten Kämpfe zu führen. Nachdem er Hitler und seinen zahlreichen Handlangern widerstanden hat, sind es nun die Nachfolger Stalins, die er anprangert. Er ist Präsident der Israelischen Akademie der Natur- und Geisteswissenschaften – der Akademie eines winzigen Landes, das erst seit zwölf Jahren existiert –, emeritierter Professor der Hebräischen Universität Jerusalem, deren Gründung er zuerst 1902 angeregt hatte, und Verfasser eines umfangreichen Œuvres, das auf der ganzen Welt bekannt ist und gelesen wird. Er will an einer Protestveranstaltung zur Unterstützung der sowjetischen Juden – die Elie Wiesel 1966 als »die stummen Juden«1 bezeichnen sollte – teilnehmen (Meir Rosenne, der spätere israelische Botschafter in Frankreich, damals ein junger Diplomat, holt ihn in dem kleinen Auto der Botschaft, einer Renault Dauphine, vom Flughafen ab). Anschließend reist er weiter nach Florenz, um an der »Mittelmeerkonferenz für kulturelle Zusammenarbeit« teilzunehmen, wo sich fast zum ersten Mal israelische und ägyptische Intellektuelle zu einem Dialog zusammenfinden.2 Seit fast sechzig Jahren äußert sich dieser kleine Mann energisch und profund an allen Fronten zur Verteidigung des jüdischen Glaubens. Trotz zweier Weltkriege, trotz Schoa, Gulag und Unabhängigkeitskrieg von 1948, trotz der tragischen Isolierung seines Landes in einer feindlichen Umgebung glaubt er noch an eine bessere Zukunft. Gegen Ende seines Lebens zeigt sich Martin Buber noch immer so aktiv und entschlossen wie ein halbes Jahrhundert zuvor.

Wer eine Biographie Martin Bubers verfassen will, stößt auf vielfache Probleme – schon deshalb, weil Bubers Leben siebenundachtzig Jahre umspannte. Man geht damit ein Wagnis ein,3 denn man muss für diesen Zeitraum einen großen Teil der Weltgeschichte und des Schicksals der Juden unter all seinen Aspekten durchmessen. Es gilt, den Zusammenbruch von vier Monarchien,4 zwei Weltkriege, die jüdische Tragödie und den israelischen Unabhängigkeitskrieg zu berücksichtigen. Zu jeder Periode seines Lebens gibt es ganze Bibliotheken in mehreren Sprachen. Neben Freud und Einstein ist er einer der bekanntesten Juden des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie diese lebte er in mehreren Welten. Sein Briefwechsel ist ungeheuer, er umfasst mehr als fünfzigtausend Briefe, die im Buber-Archiv in Jerusalem tadellos geordnet aufbewahrt werden;5 veröffentlicht wurde jedoch nur eine dreibändige Auswahl,6 die der hebräischen, amerikanischen, italienischen und französischen Ausgabe zugrunde liegt. Bubers Denken nimmt seinen Weg von der Philosophie zur Soziologie, von der Religionsgeschichte zur Bibelexegese, von den zionistischen politischen Kämpfen der Jugendjahre bis zum Engagement für die sowjetischen Juden im hohen Alter – ohne die unablässige Einforderung von Respekt für die arabischen Einwohner Palästinas, später Israels, zu vergessen.

Tatsächlich gibt es nicht viele Biographien über ihn – als fürchtete man sich vor so vielen Facetten, so vielen Epochen. Wir haben vor allem die von Hans Kohn benutzt, einem seiner Vertrauten, sowie die von Maurice Friedman, seinem großen Vermittler in die USA, der ihn manches Mal befragt und getroffen hat. Schließlich hat ihm Grete Schaeder, die beherzte Herausgeberin eines Teils seiner Korrespondenz, eine bedeutende Einführung sowie ein sprödes, aber wichtiges Werk gewidmet.7 Diese Autoren konnten ausführliche Gespräche mit Buber führen und mit ihm korrespondieren. Inzwischen verfügen wir über aktuellere und ausgezeichnete Monographien von Gerhard Wehr und Maurice-Ruben Hayoun.8 Ich selbst hatte Gelegenheit, ausführlich mit Mitgliedern seiner Familie zu sprechen: mit seinem Sohn Rafael, seinen Enkelinnen Judith Buber-Agassi9 und Barbara Goldschmidt, seinem Enkel Emmanuel Martin Strauß, den Mitgliedern seines engsten Zirkels – von denen viele inzwischen verstorben sind, Gershom Scholem, Ernst Simon, Werner Kraft, Nathan Rotenstreich, Shmuel Noah Eisenstadt –, anderen, die ihm weniger nahe standen, Karl Heinrich Rengstorf, Alexander Altmann, aber auch solchen, deren Urteil ich bang entgegensehe, darunter Paul Mendes-Flohr. Ich muss natürlich die kundige, liebenswürdige Margot Cohn10 erwähnen, seine letzte Sekretärin, die für das Buber-Archiv verantwortlich ist und – alle Buberologen wissen es – stets mit Wohlwollen auf all die Fragen antwortet, die das Leben und das Werk dieses eigentlich recht seltsamen Mannes aufwerfen. Ihr Wissen überschreitet die bloße Kenntnis der Schriften Bubers bei weitem.

Besonders verpflichtet bin ich seit 1982 den Mitarbeitern der Manuskriptabteilung der israelischen Nationalbibliothek für ihre Hilfe; sie sprechen beinahe alle Sprachen, entziffern alle Handschriften und sind niemals kleinlich mit ihrer so wertvollen Zeit. Seit kurzem verfügen wir dank Paul Pinkas Maurer über einen detaillierten Katalog der gesamten Buberschen Korrespondenz. Sie alle sollen wissen, dass das vorliegende Werk für mich auch eine Art ist, diese Schuld zu begleichen.

Wenn man darangeht, das Porträt Bubers zu zeichnen, fällt es schwer, zwischen einseitiger Bewunderung und systematischer Kritik die Mitte zu halten, zwischen dem Erzengel des Judentums des zwanzigsten Jahrhunderts, dem epikureischen Wiener Salonlöwen und dem deutschen Professor in seinem Elfenbeinturm im palästinensischen Sand – »Weimar in der Wüste«. Gönnerhafte Verachtung oder ätherische Hagiographie: Über ihn ist alles gesagt, und doch könnte man noch immer ein Buch über jedes einzelne seiner Lebensjahre schreiben, so reichhaltig, fruchtbar und dramatisch waren sie; umso mehr, als viele Erinnerungsbücher ihn erwähnen und nicht wenige, oftmals widersprüchliche Zeugnisse und gewiss auch Legenden liefern. Als jemand, der seit mehr als dreißig Jahren manche Gespräche mit Bubers Vertrauten, Kollegen, gelegentlichen Hörern geführt hat, konnte ich selbst feststellen, wie im Laufe der Zeit das Gedächtnis ins Gleiten gerät, wie Tatsachen ausgeschmückt beziehungsweise negativ oder positiv gedeutet werden, vor allem aber, wie von ihnen seit seinem Tode Gebrauch gemacht wird. Immer reicher wird unser Wissen über diese Periode; wissenschaftliche Editionen liefern neue Erkenntnisse, die es erlauben, das Bild neu zusammenzusetzen. Viele sind ihm begegnet, recht wenige haben ihn wirklich verstanden; er hat es ihnen übrigens nicht leicht gemacht. Eine der Spötteleien, die nach seiner Ankunft in Jerusalem 1938 über ihn in Umlauf waren, betraf sein Hebräisch; als sich jemand eines Tages bei ihm, dem Bibel-Übersetzer, erkundigte, ob er sich schon auf Alltagshebräisch verständlich machen könne, bekam er von Buber zu hören: »Ja, verständlich schon, unverständlich noch nicht.«11

Wir erteilen vor allem seinen Schriften das Wort: Sie sind es, die zu uns sprechen, und sie sind es, die wir befragen müssen. Sein Werk ist leicht zugänglich: Es liegen Taschenbuchausgaben in allen europäischen Sprachen vor, aber auch auf Japanisch und Chinesisch und natürlich Hebräisch. In Deutschland erschien zwischen 1962 und 1964 eine dreibändige Ausgabe seiner Werke;12 im Jahr 2001 wurde eine Gesamtausgabe begonnen – über zwanzig Bände sind vorgesehen –, die der Buber-Lektüre ganz zweifellos neuen Schwung geben wird:13 war er doch auch der Autor unzähliger Artikel, Vorworte, Wortmeldungen und Gespräche. Kürzlich wurde Ich und Du erneut ins Hebräische übersetzt. Neben Hunderten von Werken, die in mehr als zwanzig Sprachen über ihn veröffentlicht wurden – Werken, von denen wir die meisten verarbeitet haben und denen wir viel verdanken –,
haben wir Zehntausende von Briefe gelesen, die an ihn gerichtet oder von ihm verfasst waren, sowie schriftliche Zeugnisse aus Welten, durch die er wie ein Komet seine Bahn zog und in denen er »eine leuchtende Spur« hinterließ.14 Man muss zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen heranziehen, um ihm gerecht zu werden, und mehrere intellektuelle Traditionen sogar innerhalb der Judaistik. Er selbst schreibt auf Polnisch, Deutsch, Hebräisch, Italienisch, Französisch und später, zögernd, auf Englisch. Der Leser mag urteilen, ob wir ihm die Gelegenheit verschafft haben, einem der wichtigsten, aber auch der umstrittensten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts zu begegnen. Er muss ihn nur lesen –
und dabei möchten wir ihn unterstützen.

Es war nicht möglich, Bubers Spuren Tag für Tag zu verfolgen, denn er ist rastlos in Bewegung, und die Zahl der Quellen, die man zusammenführen müsste, ist beträchtlich: Zeitungen und Zeitschriften – jüdische und nichtjüdische – der jeweiligen Epoche, Briefwechsel mit Nahestehenden,15 Freunden, Besuchern usw. Darüber hinaus müsste man ab 1898, als er sich dem Zionismus anschloss, ein anderes »Narrativ« berücksichtigen, das der heute »Besiegten«, der Vertriebenen, der – islamischen und christlichen – Araber, die seither Palästinenser genannt werden.16 Dieses Buch möchte auch eine Ungerechtigkeit wiedergutmachen: Es will bestimmte aktuelle Angriffe derer nicht unbeantwortet lassen, die das Judentum auf den Zionismus, den Zionismus auf die Form, die er im Staat Israel angenommen hat, und diesen letzteren auf einen kleinen, mehr oder weniger autoritären Staat reduzieren möchten – oder auf einen Vorrat all jener Metaphern der Moderne, deren prekärer Status gerade der Garant ihrer unbedingten Gültigkeit wäre. In bestimmten Kreisen gehört es zum guten Ton, ein gönnerhaftes und oft verächtliches Lächeln über das »Vorleben« des Staates Israel zu zeigen, über die Gelehrten der Hebräischen Universität und die utopischen Hoffnungen, die mit der Gründung dieses Landes verbunden waren.17 Es wurde sehr rasch die völlig unbegründete Idee verbreitet, Buber sei seinem Land ein Fremder geblieben, und sein Erbe sei ebenso untergegangen wie die Zivilisation, aus der er kam. Nichts wäre unzutreffender: In Wirklichkeit handelt es sich dabei auch heute noch um eine Vermeidung von Fragen, die er als einer der Ersten gestellt hat.

Schließlich noch eine persönlichere Bemerkung. Nachdem ich der Entstehung der jüdisch-deutschen Passion im achtzehnten Jahrhundert ein Werk gewidmet hatte,18 schien es mir naheliegend, mich derjenigen Persönlichkeit zuzuwenden, die die Vollendung ebenso wie das Ende dieser Passion und vielleicht einen neuen Anfang verkörpert. In der Tat könnte man die Geschichte Europas, des Mittleren Ostens und der USA nicht verstehen, ohne die Bedeutung dieser deutsch-jüdischen Kultur zu befragen und zu kennen. Was zwischen jener Morgenröte und dieser Abenddämmerung geschah, hat mich mein Leben lang beschäftigt.

Eine vielschichtige Rezeption

Buber wurde sehr rasch zur Ikone, nachdem er schon sehr früh zum Mythos geworden war. Eines Tages war er zu einem Vortrag Edmund Husserls gekommen; die Organisatoren baten ihn an einen Ehrenplatz, und er stellte sich Husserl vor. Husserl fragte: »Der wirkliche Buber? Aber den gibt es doch gar nicht! Buber – das ist doch eine Legende!«19 Tatsächlich wurde er in Israel, in Europa und in den USA bis zum letzten Lebenstag um Artikel und Vorträge gebeten. Regelmäßig fiel sein Name, wenn über Kandidaten für den Nobelpreis spekuliert wurde, sowohl für den Literatur- wie für den Friedenspreis.

Über Buber wurde viel Unwahres geschrieben, wenn es sich nicht gar um billige Bosheiten handelte, die seine dunkle Kehrseite, den »anderen Buber«,20 ans Licht ziehen sollten. Eine weitere, wenn auch weniger schwerwiegende Ungerechtigkeit ist seine Behandlung in Frankreich, mit dessen Sprache und Kultur er in bewundernswerter Weise vertraut war. Seine zahlreichen Aufenthalte in Frankreich, die herausragende Bedeutung seiner Briefpartner21 und das Echo auf seine Bücher machen es unerklärlich, warum er bis in jüngste Zeit auf Französisch nur von zwei schmalen Monographien behandelt wurde, die gewiss interessant, doch zu knapp geraten sind; Maurice-Ruben Hayoun hat ihm gerade eine elegante und tiefschürfende Einführung gewidmet.22

Weniger spekulativ als Franz Rosenzweig, weniger Grandseigneur als Leo Baeck, weniger düster als Walter Benjamin und weniger historisch orientiert als Gershom Scholem – Buber hatte einen geradezu schlechten Ruf. Als jemand, der in seiner Jugend Mystiker war, religiös, ohne seine Religion zu praktizieren, wurde er von den Rabbinern im Allgemeinen nicht geliebt. Doch in einem unterschied er sich von den meisten Begründern des Zionismus – Buber glaubte an Gott! Man wagt es kaum zu sagen; denken wir immerhin an die Überraschung Hannah Arendts, als sie erfuhr, dass sich Golda Meïr als Atheistin bezeichnet hatte. Es wurde ihm auch Plagiat vorgeworfen; man hat ihm nachgesagt, er habe das Haus einer großen palästinensischen Familie Jerusalems widerrechtlich in Beschlag genommen23 und mit achtzig Jahren (Jahre nach dem Tod seiner Frau) eine Liaison mit Naemah, der Tochter Richard Beer-Hofmanns, gehabt. Für Yeshayahu Leibowitz ist er ein jüdischer Theologe für gojim.24 Vielleicht verärgert über die Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag Bubers, wusste er sich manchmal recht ungnädig zu zeigen: »Sie stecken mich in die gleiche Schublade wie Buber; was mich angeht, lehne ich diesen Herrn absolut ab. Als Philosoph ist er ein Denker von großer Seichtheit, drittklassig – ein Salonphilosoph, ein ›Damenphilosoph‹. Aus jüdischer Perspektive sehe ich in ihm einen Juden, der das Judentum verachtet, den Chassidismus entstellt und verfälscht und sich nach dem Christentum gesehnt hat.«25 Ironie der Geschichte, dass Leibowitz mit seiner ganz gegensätzlichen Persönlichkeit gleichsam die Nachfolge Bubers als »das schlechte Gewissen Israels« antrat, nachdem dieser 1965 gestorben war, bis zu seinem eigenen Tod 1994.

Man lachte über seine Schüler mit ihrer eifrigen »Buberei«, und manche seiner Universitätskollegen witzelten gelegentlich im kleinen Kreis (namens Pilgesh, »Die Konkubine«) über ihn, urteilten dagegen streng über seine so späte Ankunft in Jerusalem.26 Eher Wiener als Berliner, eher mit Lemberg als mit Jerusalem verbunden, kein wirklicher Jecke, ein bisschen zu sehr »Galizianer« (anders gesagt: ein »Ostjude«, dessen Akzent er übrigens zeitlebens nicht ablegen wird27), ist er niemals dort, wo man ihn erwartet. Trotz des Übertritts seiner Frau zum jüdischen Glauben wird man seinen Kindern die Eigenschaft, Jude zu sein, bestreiten. Zudem gebe es einige Passagen seiner Texte, in denen er das Vokabular seiner Zeit benutzt – »Blut«, »Volk« usw. –, die einem heute »einen Schauer über den Rücken« laufen lassen:28 Diesen Vergleich mit der lingua tertii imperii29 hat auch Victor Klemperer gezogen, den man schon anregender erlebt hat. Aus diesem Grund wurde Buber sogar von dem Verteidiger Alfred Rosenbergs während der Nürnberger Prozesse zitiert;30 Rosenberg kannte sich in der Geschichte des Zionismus aus, und Buber nimmt im Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts einen nicht unbedeutenden Platz ein, weshalb noch heute in Zeitschriften der extremen Rechten Elogen auf ihn gehalten werden.31 Schon zu Lebzeiten nimmt ihn Theodor W. Adorno im Jargon der Eigentlichkeit aufs Korn; mündlich soll er ihn als »Religionstiroler« bezeichnet haben;32 man hat von Adornos »Aversion gegen Buber« gesprochen.33 Ein Briefpartner Ernst Blochs scheut sich nicht, das Wort vom »Verrat der Intellektuellen« auf ihn anzuwenden …

Martin Heidegger wiederum zeigt sich sehr begeistert von Bubers Werk und seiner Person; Buber war übrigens bereit, zu einer der Festschriften für Heidegger einen Beitrag zu liefern, und in der Bibliothek Gershom Scholems fand sich ein Werk Heideggers mit einer Widmung an Buber. Wittgenstein schätzt Bubers Bibelübersetzung, und Paul Celan sendet Rabbi Nachman den Frauen, die er liebt.34 Franz Kafka, Walter Benjamin, Hannah Arendt waren ihm gegenüber manchmal reserviert, obwohl sie ihn lasen und sich mit ihm trafen. So schreibt Letztere 1957 ihrem Mentor Kurt Blumenfeld, dem einstigen Sekretär der Zio-
nistischen Vereinigung für Deutschland: »[…] habe ich Buber näher kennengelernt, und eigentlich hat er mir dann schließlich doch gefallen. Er ist besser als all diese Juden, weil er eine wirkliche Neugier und Lernfähigkeit für die Welt hat, und er ist mit seinen beinahe 80 Jahren lebendiger und empfänglicher als all diese dogmatischen Rechthaber und Besserwisser. Er hat eine gewisse Souveränität, die mir gefällt.«35 Sie wird ihn noch 1961 besuchen.36

Trotz solcher Kritiken setzt er sich klar als einer der wichtigsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts durch: Ich und Du wird zur unvermeidlichen Lektüre auf jedem amerikanischen Universitätscampus; Buber wird von Martin Luther King wie von Bertrand Russell gelesen und zu den großen internationalen Fragen um Rat gebeten. Die Erzählungen der Chassidim findet man bei Leonard Cohen auf dem Tisch – gewiss, er ist Enkel eines Rabbiners – und in dem wenigen Gepäck Allan Ginsbergs. Nachdem ihm lange Zeit das unzulängliche Etikett eines jüdischen Existentialisten angehängt worden war – das er sein Leben lang ablehnen sollte –, wird Buber inzwischen vom Feminismus37 wie vom Atheismus38 in Anspruch genommen; es heißt, selbst Johannes Paul II. habe ihn geschätzt.39 Und für den »täglichen Bedarf« gibt es auch einen Buber-Kalender, Worte für jeden Tag.40 Natürlich hat man aus seinen Schriften auch einen Reader zusammengestellt,41 während eine sehr rührige Buber-Gesellschaft regelmäßig eine Zeitschrift und eine Buchreihe veröffentlicht.42 Der große Harvard-Philosoph Hilary Putnam führt ihn an bedeutender Stelle seines Guide to Life auf.43

Für uns wichtiger ist jedoch der Umstand, dass er zu keiner Zeit in den philosophischen, theologischen und politischen Erörterungen abwesend war, auch nicht in Israel, wo er nach wie vor Gegenstand sehr interessanter Arbeiten ist. Seine Diskussionen mit David Ben Gurion, Carl Gustav Jung oder Jean-Paul Sartre füllen ganze Bücherregale. Michael Theunissen, einer der tiefsten Philosophen seiner Generation, widmete ihm 1965, in Bubers Todesjahr, ein zentrales Buch, Der Andere, das bis heute nicht Staub angesetzt hat.44 Aktuelle Philosophen wie Peter Sloterdijk zögern nicht, Neuauflagen seiner Werke mit Vorworten zu versehen,45 und Jürgen Habermas, der ihn in seiner Jugend hörte, lieferte in einem Vortrag auf der ersten Martin-Buber-Konferenz der Israelischen Akademie der Natur- und Geisteswissenschaften am 1. Mai 2012 eine glänzende Vergegenwärtigung der Buberschen Philosophie des Dialogs.46 Es vergeht kein Monat, in dem nicht ein Buch oder ein Artikel zu seinem Werk erschiene.

Durch zwei Jahrhunderte

Von Wien nach Jerusalem – Buber hat gleichsam mehrere Leben gelebt, wie es wohl nur den glücklichsten unter den Juden Europas vergönnt war.

Seine Lehrjahre führen ihn von der aufgeklärt-traditionalen Welt seines Großvaters in Lemberg zur deutschen Universität und von dort ins zionistische Universum. Seine Wiederentdeckung des Chassidismus und seine Vorträge in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg machen ihn schon in sehr jungen Jahren zum Leitstern des deutschen Judentums, dem er ab 1916 ein Forum bieten wird: die Zeitschrift Der Jude. Es ist das Jahr, in dem er sich im südhessischen Heppenheim niederlassen wird – sein Haus ist heute Sitz des Internationalen Rats der Christen und Juden (ICCJ). In der Weimarer Republik verkörpert er die Erneuerung des deutschen Judentums. Er begründet die Dialogphilosophie, wie sie in Ich und Du (1923) entwickelt wird, wird Lehrbeauftragter, später Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main, unterrichtet an Franz Rosenzweigs Jüdischem Lehrhaus und unternimmt ab 1925, zusammen mit Rosenzweig, eine sprachschöpferische Übersetzung der Bibel. Zugleich ist er unmittelbar mit der Katastrophe der Erniedrigung und schließlich Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums konfrontiert. 1933 legt er, noch vor dem offiziellen Entzug der Lehrbefugnis, seine Professur nieder und beginnt mit dem Aufbau eines wirklichen geistigen Widerstands – obwohl er bereits am 7. März 1933 Besuch von der Gestapo erhält und trotz eines zeitweiligen Redeverbots.

Mit sechzig Jahren schließlich, ab 1938, beginnt für ihn in Palästina unter der britischen Mandatsverwaltung ein neuer Lebensabschnitt. Er lässt sich endgültig in Jerusalem nieder und verstärkt die Reihen der Jeckes, der deutschen und im weiteren Sinne mitteleuropäischen Juden, ohne die der Staat Israel kaum hätte entstehen, überleben und heranwachsen können.47 Doch er selbst bleibt recht atypisch, denn er hat nie wirklich an die Überlegenheit der »Seinen« geglaubt. Rasch wird er zum lebenden Denkmal; er ist einer der großen Professoren der Hebräischen Universität, an der er bis 1951 lehrt, sowie Präsident der Israelischen Akademie der Natur- und Geisteswissenschaften. Regelmäßig nimmt er in den Spalten der großen Zeitungen an Debatten teil und erhält Anfragen zu zahlreichen Tagungen. Mehrere Reisen nach Europa und drei Aufenthalte in den USA sichern ihm einen tatsächlich weltweiten Ruhm, der sich bis nach Japan und Indien erstreckt.48 Als einer der Ersten nimmt er wieder Verbindung mit Deutschland auf, das er ab 1951 regelmäßig zu Vorträgen besucht. Seinen Dialog mit dem Christentum, schon vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen, setzt er nach der Staatsgründung fort. Er protestiert gegen die Hinrichtung Eichmanns in Israel und verurteilt sehr entschieden öffentlich die Enteignung arabischen Bodens. Seine Gegnerschaft zu David Ben Gurion ist notorisch, und häufig wird er Partei für die Araber nehmen, unter denen er einige Jahre lang im Stadtviertel Abu Tor gelebt hat. Sein Leben lang wird er versuchen, mit ihnen Kontakte zu knüpfen. Er, den sein Freund und Schüler Hugo Bergmann als »Hüter der Menschlichkeit«49 bezeichnete, erlebt in Jerusalem den mühsamen Entstehungsprozess und die schmerzvolle Geburt Israels, dessen nationales Gewissen er bis zu seinem Tod 1965, vor einem halben Jahrhundert, verkörpern sollte.

Paris – Jerusalem, 2015 am 50. Todestag Bubers

ERSTER TEIL

DIE JAHRE DER AUSBILDUNG WIEN, LEMBERG, EUROPA


1878–1904