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Christian Röther

Wenn die Wahrheit Kopf steht

Die Islamfeindlichkeit

von AfD, Pegida & Co.

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See

ISBN 978-3-641-20551-5
V001

www.gtvh.de

Inhalt


Prolog in Dresden

Ankunft und Abwehr
– Islam in Deutschland

Wütende Deutsche
– Die antiislamische Bewegung

Gegen den »Fremdkörper«
– Die Alternative für Deutschland

Dresden ist überall
– Die Pegida-Bewegung

Im Zerrspiegel
– Der Islam seiner Gegner

Das Böse an sich
– Die antiislamische Theologie

»Nazislam«
– Das antiislamische Geschichtsverständnis

Islamfreiheit
– Die Ziele der Islamgegner

Gewaltsame Aufklärung?
– Die Wege der Islamgegner

Die »Wahnsinnsrepublik«
– Lügen, Presse und Islamgegner

Fundamentalopposition
– Gegen »Altparteien« und »Scharia-Justiz«

Auf der Bühne
– Quotengarant Islamklischee

Sendungsbewusstsein
– Antiislamische Biografien

Christlich-jüdisch?
– Islamgegner und Religionen

Der Feind meines Feindes
– Rechts, links, Islam

Von Washington bis Wertheim
– Die transatlantische Allianz

Retter des Abendlandes
– Antiislamische Weltbilder

Epiloge in Stuttgart

Literaturhinweise

Dank

Prolog in Dresden


Kälte herrscht. Die beiden Männer tragen dunkle Anoraks und haben ihre schwarzen Mützen tief ins Gesicht gezogen. Die Augen des einen Mannes sind von einer Sonnenbrille verdeckt, obwohl es bereits dunkel ist. Über seine Schulter hält er eine schwarz-rot-goldene Fahne. Sein Begleiter wirkt etwas älter, vielleicht Anfang 70. Er trägt eine Holzlatte, an der er ein Plakat befestigt hat. Einfache schwarze Handschrift auf weißem Grund mit einer gelben Umrandung. Es hebt sich ab vom schwarzen Nachthimmel über der Elbe. Zu lesen ist »Islam = Karzinom«. Es ist Montag in Dresden. Die beiden Männer sind zwei von 200, 2.000 oder 20.000.

Ein Karzinom ist ein Krebsgeschwür. Man muss es herausoperieren und hoffen, dass es nicht streut, oder es mit anderen Therapien bekämpfen. Verliert man den Kampf, verliert man früher oder später auch sein Leben. Den Islam ein Karzinom zu nennen, macht ihn zu einer existenziellen Bedrohung. Zugleich ist es ein Handlungsaufruf: Entweder man geht gegen die kranke Religion vor oder man geht unter. Der ältere Mann mit der schwarzen Mütze ruft seine Mitmenschen also dazu auf, gegen die seiner Auffassung nach tödliche Bedrohung Islam aktiv zu werden. Sein Ziel kann nur eine vollständige Auslöschung der Religion sein, denn es wäre fahrlässig, von einem Krebsgeschwür Rückstände zu belassen. Ob er den Islam nur aus Sachsen, aus Deutschland oder der ganzen Welt entfernen will, bleibt offen – ebenso, welche Mittel er dafür in Betracht zieht. Das Plakat ist eine simple und zugleich radikale Zuspitzung von Ansichten, wie sie bei den Kundgebungen von Pegida, den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes, Woche um Woche wiederholt werden. Diese Ansichten sind nicht nur in Dresden zu vernehmen, sondern auch bei Demonstrationen in anderen Städten, an Stammtischen, in Parteiprogrammen, Bestsellern, Talkshows und massenhaft im Internet.

Die Menschen, die sich an den Pegida-Demonstrationen in Dresden beteiligen, haben derweil noch ganz andere Sorgen als den Islam. Sie wollen beispielsweise weniger Flüchtlinge, mehr Rente, andere Politikerinnen und Politiker, den Bruch mit der EU und die Annäherung an Russland. Befragungen durch Politikwissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben ergeben, dass zu Beginn der Proteste nur für jeden vierten Demonstrierenden der Islam ein Grund war, zu Pegida zu gehen. Doch warum werden dann all diese Wünsche und Probleme – von Russland bis Rente – auf den Islam projiziert? Warum werden sie unter dem Schlagwort »Islamisierung« zusammengefasst? Wie konnte eine Religion zum Ventil ganz unterschiedlicher Ängste werden?

Ein ähnliches Islambild wie bei Pegida zeigt sich bei der Alternative für Deutschland. Die junge Partei hat sich von einer Anti-Euro-Partei zur Anti-Flüchtlings- und Anti-Islam-Partei entwickelt. Sie sitzt bereits im Europaparlament und in zehn deutschen Landtagen. Im Herbst 2017 wird sie aller Voraussicht nach auch in den Bundestag einziehen. Damit hätte die islamfeindliche Bewegung eine Stimme im deutschen Parlament. Auch hier stellt sich die Frage: Wieso befasst sich die AfD ausgerechnet mit dem Islam?

Dieses Buch liefert Einblicke in die Welt der Islamgegner. Es gibt diese Welt nicht erst seit Pegida und AfD, vielmehr sind dies nur die jüngsten und bekanntesten antiislamischen Gruppierungen. Seit Jahrzehnten arbeiten Aktivistinnen und Aktivisten an einer antiislamischen Ausrichtung der Politik, jetzt haben sie in Pegida und AfD die bislang wirkmächtigsten Instrumente dafür gefunden. Zugleich messen Meinungsforscher in der Bevölkerung wachsende Ressentiments gegenüber Islam und Muslimen. Viele antiislamische Aktivisten wollen ein Deutschland ohne Islam, womit sie den sozialen Frieden gefährden und zur Radikalisierung der Gesellschaft beitragen.

»Wenn die Wahrheit Kopf steht« beruht auf mehrjährigen Recherchen im antiislamischen Milieu sowie ausführlichen Interviews mit Aktivistinnen und Aktivisten. Einige Interviews wurden für die Veröffentlichung anonymisiert. Auch die genannten Vornamen sind nicht die tatsächlichen. Das Buch berücksichtigt Ereignisse bis zum Jahreswechsel 2016 / 17.

Es legt Denkweisen, Strukturen und Ziele der Islamgegner offen und will ihre Weltsicht – ihre Wahrheit – nachvollziehen und verständlich machen. Die gesellschaftlichen Debatten, nicht nur über den Islam, leiden unter Polemiken, Polarisierungen und Anfeindungen. Die Kontrahenten radikalisieren sich wechselseitig und entfernen sich voneinander. Um diese Konflikte zu entschärfen, wäre es jedoch notwendig, das Gegenüber zu verstehen, wenn man ihm auch nicht zustimmt. Das ist Anspruch dieses Buches.

ANKUNFT UND ABWEHR
– Islam in Deutschland


Damals in Dresden

Am Rande der Dresdner Altstadt, die nach zahlreichen Restaurationen wieder stolz ihre barocke Pracht zur Schau trägt, fällt ein wuchtiges Bauwerk seltsam aus dem Panorama. Es zählt sieben Stockwerke, wird von einer Kuppel aus buntem Glas gekrönt und von sieben spitzen Türmen eingerahmt, der höchste misst 62 Meter: die sogenannte »Tabakmoschee«. Sie ist dort schon seit über einhundert Jahren beheimatet, wurde bei den Bombenangriffen vom 13. und 14. Februar 1945 stark beschädigt und 1996 wieder in Stand gesetzt. Eine richtige Moschee war das Gebäude allerdings nie, sondern eine Zigarettenfabrik. Das höchste »Minarett« fungierte tatsächlich als Schornstein.

Ab 1907 ließ der Unternehmer Hugo Zietz die Fabrik für seine Tabakfirma Yenidze bauen. Architektonisches Vorbild soll eine Grabmoschee in Kairo gewesen sein. Die »Tabakmoschee«, wie der Volksmund sie taufte, ist Ausdruck einer vergangenen Faszination für den Orient. Heute sind dort Büros und Gastronomie untergebracht. Von »Dresdens höchstem Biergarten« aus liegt einem die Stadt zu Füßen. Unten zieht gelegentlich Pegida vorbei, um die Mitarbeiter des benachbarten Pressehauses des Lügens zu bezichtigen.

Deutschlands erste echte Moschee wurde unterdessen 1915 im brandenburgischen Wünsdorf gezimmert. Das Holzgebäude war Teil des sogenannten »Halbmondlagers«, in dem im Ersten Weltkrieg bis zu 30.000 Kriegsgefangene inhaftiert waren. Der Großteil der Gefangenen waren Muslime, daher der Name des Lagers. Das Deutsche Kaiserreich wollte die Muslime gut behandeln, um sie zum Überlaufen gegen ihre Kolonialherrscher Frankreich und Großbritannien zu bewegen, und spendierte deshalb auch ein Gotteshaus. Der Erfolg dieser Strategie hielt sich jedoch in Grenzen, und das morsche Gebäude wurde in den 1920ern wieder abgerissen.

Deutschlands älteste noch existierende Moschee steht rund 40 Kilometer von Wünsdorf entfernt. In Berlin-Wilmersdorf durfte die Gesellschaft für islamische Gottesverehrung sie 1924 errichten. Die Gesellschaft stand der Ahmaddiya nahe, einer in Indien zur britischen Kolonialzeit entstandenen, also vergleichsweise jungen Strömung des Islams. Ihre Moschee soll an das indische Taj Mahal erinnern und wird von zwei Minaretten von je 32 Metern Höhe flankiert. Zunächst wurde sie von immigrierten Studenten und Akademikern sowie deutschen Konvertiten genutzt. Die Zahl der Muslime war in Deutschland während der Weimarer Republik noch sehr überschaubar.

Das änderte sich mit dem Zuzug der sogenannten Gastarbeiter in die junge Bundesrepublik. Tausende kamen, unter ihnen auch viele Muslime, vor allem aus der Türkei. Zunächst hatten die Männer (und wenigen Frauen) nicht nur ihre Familien, sondern gewissermaßen auch ihre Religionen in der Heimat gelassen. Doch allmählich wurde Deutschland zum neuen Zuhause. Angehörige zogen nach, Kinder wurden geboren und irgendwann auch die ersten Gebetsräume eingerichtet. Meist wurden Wohnungen oder Industriegebäude zu Moscheen und Gemeindezentren umgestaltet.

Der Großteil der Moscheen in Deutschland besteht heute noch immer in Bauten, die zunächst anderen Zwecken gedient hatten. Schätzungen gehen derzeit von 2.500 bis 3.000 Moscheen in Deutschland aus, von denen nicht einmal jede zehnte Kuppel und Minarett besitzt. Doch als die ersten äußerlich erkennbaren und repräsentativen Moscheen entstanden, wurde den Deutschen allmählich bewusst, dass mit den ehemaligen Gastarbeitern auch eine neue Religion in ihrem Land angekommen war.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Die Zahl der Muslime in Deutschland wird zumeist mit vier bis fünf Millionen angegeben. Dabei bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen der Zuzug von Geflüchteten seit dem Jahr 2015, u. a. in Folge des Syrien-Krieges, auf die Zusammensetzung der Bevölkerung hat. Etwa die Hälfte der Muslime in Deutschland besitzt laut der Studie »Muslimisches Leben in Deutschland« (2009) die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst schätzt, dass in der Bundesrepublik 2,6 Millionen Sunniten leben. Die sunnitischen Muslime bilden weltweit die größte Strömung des Islams. Gefolgt werden sie in Deutschland von einer halben Million Aleviten. Bei dem Alevitentum handelt es sich um eine Richtung des Islams, die vor allem in der Türkei beheimatet ist. Außerdem lebt in Deutschland eine Viertelmillion Schiiten, deren Ursprungsregion der Iran und der Irak ist. Die Zahl der Salafisten in Deutschland, einer radikalen Strömung des sunnitischen Islams, ist laut dem Verfassungsschutz mit etwa 8.350 deutlich geringer, steigt allerdings kontinuierlich an.

Sunniten, Schiiten und Aleviten sind in sich keine homogenen Gruppen, sondern unterteilen sich in theologische Schulen, nationale und regionale Zugehörigkeiten sowie Verbände und Vereine. Daneben existiert in Deutschland eine ganze Reihe kleinerer islamischer Strömungen wie die Ahmaddiya, der Sufismus oder das Alawitentum. Dabei bleibt offen, ob alle vier bis fünf Millionen Menschen sich tatsächlich als Muslime verstehen und ihre Religion praktizieren oder ob sie lediglich eine muslimische Abstammung haben. Es gibt beim Islam in Deutschland keine formalen Zugehörigkeiten wie bei den christlichen Kirchen. Die Studie »Muslimisches Leben in Deutschland« stellt fest, dass nur jeder fünfte Muslim in Deutschland in religiösen Gemeinden und Vereinen organisiert ist. Die Zahlen über die Gruppenzugehörigkeiten der (vermeintlichen) Muslime sind deshalb mit Fragezeichen zu versehen.

Dennoch ist die Anwesenheit von Muslimen in Deutschland auch über Moscheebauten hinaus erkennbar, so am islamischen Religionsunterricht an immer mehr Schulen und am Studiengang Islamische Theologie an mehreren Universitäten. Als erste islamische Religionsgemeinschaft erhielt die Ahmadiyya Muslim Jamaat im Jahr 2013 in Hessen den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts.

Angst und Abwehr

Wenn neue Religionen in einer Gesellschaft auftauchen, ruft das in der Regel Reaktionen hervor: Neugier, Faszination oder Gleichgültigkeit, nicht selten aber auch Misstrauen, Angst und Abwehr. Ein negatives Islambild besteht in Deutschland allerdings nicht erst, seitdem Muslime hier leben. Polemiken und Stereotype sind Jahrhunderte alt, als Ursprünge gelten die Kriege zwischen christlichen und islamischen Staaten im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit.

Prägend waren die arabisch-maurische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel (711-1492) und für den deutschsprachigen Raum vor allem die sogenannten »Türkenkriege« in Süd- und Osteuropa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Martin Luther (1483-1546) sah im Osmanischen Reich, das damals Wien zu erobern versuchte, ein Werk des Antichristen. Die Angst vor einer islamischen Eroberung ist dadurch tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.

Das zeigt sich auch in literarischen Werken: Wer die Abenteuerromane von Karl May (1842-1912) aufschlägt, findet darin viele abwertende Bilder von Islam und Muslimen, wie sie bis heute fortbestehen. Über 100 Millionen Mal wurden Mays Werke laut Verlagsangaben im deutschsprachigen Raum verkauft – ein erheblicher Faktor für die Bildung einer kollektiven Islamauffassung.

Im Zentrum der westlichen Islamstereotype steht seit jeher der islamische Prophet Muhammad. Bereits im Mittelalter hielten ihn viele Europäer für einen Lügner und geistigen Dieb, der seine religiöse Botschaft schlecht bei Juden und vor allem Christen abgeschrieben hatte. Auch Muhammad wurde mit dem Antichristen identifiziert. Er soll, so seine Kritiker, besessen und geisteskrank gewesen sein. Der Islam wurde als dunkle Macht der Eroberung und des Krieges gesehen.

Das Zeitalter der Aufklärung konnte diese Stereotype ins Wanken bringen und ließ auch neutrales und positives Interesse am Islam aufkeimen. Die feindseligen Stereotype treten allerdings wieder zu Tage, seit Muslime in Deutschland leben. So vernimmt man bei Pegida, AfD und anderen heute Parolen, die den mittelalterlichen Polemiken sehr ähneln. Der Aktivist Michael Stürzenberger sagte am 1. August 2016 als Redner bei Pegida in Dresden über Muhammad, er habe Kriege geführt, Kritiker umbringen lassen und auch selbst getötet. »Das ist das Vorbild aller Moslems«, erklärte Stürzenberger dem Publikum: »Viele heißen so und viele führen sich auch genau so auf wie er.«

Verstärkt wurde das abwertende Islambild der Deutschen durch negative Weltereignisse mit Islambezug, wie die Islamische Revolution im Iran 1979. Westliche Medien und Meinungsführer waren entsetzt über die rückständige Gesellschaftsordnung, die der vergleichsweise liberalen iranischen Gesellschaft aufgezwungen wurde. Ein politisierter Islam hatte zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Herrschaft über ein Staatsgebiet übernommen und wuchs so als neues Feindbild des Westens heran – zumal der Antagonist des Westens im Kalten Krieg, die Sowjetunion, ihren Schrecken in den 1980er-Jahren verlor. Die bipolare Weltordnung, die seit dem Zweiten Weltkrieg bestanden hatte, zerbrach. Diese Lücke schloss »der Islam« und ermöglichte als neues Feindbild des Westens eine neuerliche Zweiteilung der Welt in gut und böse.

In den 1990er-Jahren wurden in Afghanistan zwei Organisationen groß, die gleichermaßen an der Verbreitung des radikalen Islams und der Islamfeindlichkeit unter Nicht-Muslimen arbeiteten: die Taliban und al-Qaida. Die Terrorgruppe um Osama bin Laden hatte bereits Anschläge auf US-Einrichtungen in Afrika und dem Nahen Osten verübt, als ihr Terrorismus am 11. September 2001 seinen traurigen Höhepunkt fand: die Flugzeuganschläge von New York und Washington mit fast 3.000 Toten. Die USA griffen daraufhin die Taliban und al-Qaida in Afghanistan an. Die Anschläge hatten außerdem zur Folge, dass viele Deutsche in ihren Nachbarn Muslime erkannten und sie argwöhnisch musterten – zumal einige der Attentäter eine Zeitlang in Hamburg gelebt hatten.

Weitere Terrorakte in Europa verstärkten diesen Prozess: die Zuganschläge von Madrid im März 2004, die Ermordung des Regisseurs und Islamkritikers Theo van Gogh im November 2004 in Amsterdam und die Anschläge in London im Juli 2005. Danach gab es zehn Jahre lang keine größeren Anschläge mehr in Europa, die mit »dem Islam« in Verbindung gebracht wurden, bis Frankreich und Belgien 2015 und 2016 mehrfach Ziel verheerender Attacken waren. In Deutschland hat ein Einzeltäter im März 2011 zwei US-Soldaten in Frankfurt ermordet. Im Juli 2016 starben bei Attacken in Würzburg und Ansbach jeweils die Attentäter. Am 19. Dezember 2016 starben zwölf Menschen, als ein Attentäter in Berlin einen LKW in einen Weihnachtsmarkt steuerte.

Feindbildpflege

Zugleich jedoch förderten deutsche Massenmedien den negativen Blick auf Islam und Muslime. Das wird an drei Fotomontagen beispielhaft deutlich. Das Cover des Spiegels 13/2007 zeigt das Brandenburger Tor vor dunklem Himmel, von dem ein übergroßer Halbmond mit einem Stern leuchtet – das Symbol vieler islamischer Staaten. Zu lesen ist »Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung«. Die Titelseite des Stern 30/2006 zeigt ebenfalls Halbmond und Stern, dazu eine Moschee, einen Koran, die Kaaba in Mekka, einen bärtigen Mann, aus dessen geballter Faust Flammen schlagen und ein übergroßes Maschinengewehr. Der Text dazu lautet: »Islam – Warum wollen sie uns töten?«. Die gesamte Religion wird hier bildlich und textlich für Terrorismus und Gewalt verantwortlich gemacht. So wird der Islam als eine existentielle Bedrohung für »uns« präsentiert. In der dritten Fotomontage, die die ARD am 4. Oktober 2015 im Bericht aus Berlin verwendete, ist das Gesicht Angela Merkels zu sehen. Der Rest ihres Kopfes ist mit einem schwarzen Schleier streng verhüllt. Hinter der Kanzlerin erkennt man den Reichstag, aus dem Minarette in die Höhe ragen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Angst vor der angeblichen Islamisierung geschürt wird.

Derartige Bilder, die Islam und Muslime in ein bedrohliches Licht rücken, sind keine Ausnahmen, sondern seit Mitte der 2000er-Jahre vielfach in ähnlicher Form in deutschen Medien zu finden. Zwar fallen die dazugehörigen Berichte meist ausgewogen aus, doch die Titelseiten und Schlagzeilen erreichen deutlich mehr Menschen und haben so erheblich größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung. Das Titelblatt einer Zeitschrift wirkt auch unbewusst im Vorbeigehen.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, was Montag für Montag in Dresden über den Islam verbreitet wird. Meinungsforscher haben seit den 2000er-Jahren in Deutschland immer wieder erhebliche Ressentiments gegenüber Islam und Muslimen festgestellt. 2016 stimmten in der Leipziger »Mitte-Studie« über 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass »Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte«. Gar die Hälfte der Befragten gab an, sich durch »die vielen Muslime hier« manchmal »wie ein Fremder im eigenen Land« zu fühlen. Auch vor diesen Befunden ist es wenig erstaunlich, dass Pegida in Dresden und anderswo mit Hilfe islamfeindlicher Ansichten viele Menschen um sich versammeln kann.

Vorurteile werden zu Gewalt

Die antiislamischen Feindbilder werden leider auch auf andere Weise praktisch: Moscheen werden mit toten Schweinen, Farbe oder Brandsätzen attackiert und Menschen, die für Muslime gehalten werden, verbal und körperlich angegriffen. In Dresden wurde die Pharmazeutin Marwa el-Sherbini im Jahr 2009 in einem Gerichtssaal von einem NPD-Anhänger ermordet. Sie war im dritten Monat schwanger, ihr Mann wurde ebenfalls verletzt, und ihr dreijähriger Sohn musste alles mit ansehen. Der Täter hatte Marwa el-Sherbini zuvor als Islamistin und Terroristin bezeichnet und behauptet, sie sei nicht beleidigungsfähig, da Muslime keine richtigen Menschen seien. Es entlud sich ein antimuslimischer Hass, wie er zuvor von vielen Seiten geschürt worden war – und weiterhin geschürt wird.

Im europäischen Vergleich ist Deutschland keine Ausnahme. In vielen anderen westlichen Staaten wird Islam und Muslimen ebenfalls oft mit Argwohn und Ablehnung begegnet. Das gilt auch für Länder Osteuropas, in denen kaum Muslime leben. Ein Fakt, der nur auf den ersten Blick verblüfft: Wer persönlich keine Muslime kennt, ist im Alltag nicht dazu gezwungen, die medial vermittelten Vorurteile zu überdenken. Dieses Phänomen findet sich auch in Regionen Deutschlands mit geringem Muslimanteil, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern.

In Deutschlands Nachbarstaaten wie den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Österreich haben Rechtspopulisten mit antiislamischen Kampagnen bereits Wahlerfolge erzielt. Auch in Deutschland verdichtet sich die abwertende Haltung zum Islam seit Mitte der 2000er-Jahre an Stammtischen, in politischen Parteien und allem voran in Internetforen. Die antiislamische Bewegung ist geboren.