ANJA MAIER

Die Pubertistin

Eine Herausforderung

Titelbild

Mit Illustrationen von
Yvonne Kuschel

BASTEI ENTERTAINMENT

Inhalt

  1. Ankunft:
    Eine Fremde hinter der Sonnenbrille
  2. September Anfang:
    Grandiose Kleinfrauen im Ausgehbezirk
  3. September Ende:
    Das Misstrauen in die Verhältnisse
  4. Oktober Anfang:
    Reisen hinterm Ponyvorhang
  5. Oktober Ende:
    Von der Freiheit des Kaviarverzehrs
  6. November Anfang:
    Ist geil! War scheiße.
  7. November Ende:
    Eine Mutter, zwei Lieblingskinder
  8. Dezember Anfang:
    Der Preis der Elternliebe
  9. Dezember Ende:
    Das pädagogische Stockholm-Syndrom
  10. Januar Anfang:
    Die Kochkunst der Fabrikkäsefreundin
  11. Januar Ende:
    Die Diktatur der Neinsagerin
  12. Februar Anfang:
    Die unheilbare Krankheit Pubertät
  13. Februar Ende:
    Das Meta-Problem und die Solidarität
  14. März Anfang:
    Von Kleinstadtmädchen und Hauptstadtgirls
  15. März Ende:
    Gäste oder Störer – die Schlacht um den Lippenstift
  16. April Anfang:
    Ein ganz und gar perfekter Mann
  17. April Ende:
    Schönwetter-Entscheidung für die Krisenregion
  18. Mai Anfang:
    Besoffen unterm Johannisbeerstrauch
  19. Mai Ende:
    Bertolt Brecht und der Duft des Geldes
  20. Juni Anfang:
    Die Dynastie der Körperkasper
  21. Juni Ende:
    Die Angst im Nacken
  22. Juli Anfang:
    Schreitherapeutische Beziehungsarbeit
  23. Juli Ende:
    Fremdsprachliches Plaudern über Körperliches
  24. August Anfang:
    Das Wunder der mittleren Reife
  25. Abflug:
    Knicksmädchen und Checkerjungs oder Die Liebe hinter Panzerglas
978-3-8387-0746-4_p8.jpg

Ankunft:
Eine Fremde
hinter der
Sonnenbrille

Da fehlt was. Jemand. Und wie!
Zwar können der Kindsvater und ich dieser Tage eine halbe Stunde länger schlafen, und wir müssen uns auch nicht mehr jeden Abend um die Fernbedienung balgen. Aber es fehlt einfach was, wenn sie weg ist.

Denn vor zehn Tagen haben wir unser Kind in aller Herrgottsfrühe in die nahe Großstadt zum Bus gebracht. Wir hatten ihr eine Jugendreise nach Italien aufgedrängt. Strikt hatte sie unser Argument – Weißt du, es sind Ferien, da fährt man weg, liebes Kind – zurückgewiesen und sich für unser einige hundert Euro teures Geschenk auf ihre Weise bedankt: Fahrt doch selber, wenn es so toll ist, mit fremden Leuten zu verreisen!

Aber das sind wir von ihr nicht anders gewöhnt. Seit dem Moment, in dem sie erfolgreich den Geburtskanal passiert hat, neigt sie zum Widerständigen. Fünfzehn Jahre kämpfen wir nun schon miteinander, da fällt so ein bisschen Genörgel wegen erzwungenen Vergnügens nicht wirklich ins Gewicht.

Abbildung Seite 11

Und so gab es kein Vertun, an jenem Sommermorgen brachten wir sie zum Bus. Es war sechs Uhr und das Kind dermaßen schlecht gelaunt, dass ich kurz er-wog, im Auto die Kindersicherung einzuschalten. Nicht dass sich unser Ferienkind aus Protest auf die Stadtautobahn wirft. Am Busbahnhof angekommen, suchten wir einen nett aussehenden Betreuer, dem wir sie anzuvertrauen gedachten. Das, stellte sich heraus, war schon mal der falsche Ansatz – die Reisebegleiter machten mit ihren hippen Sonnenbrillengesichtern und den Bündeln, die sie als Gepäck dabei hatten, eher den Eindruck, als führen auch sie in einen endlosen, sehr beschwingten Sommer, zu dem sie gegen ein Taschengeld ihre kleinen Geschwister mitnehmen mussten.

Sei’s drum, wir hatten bezahlt und schoben das Kind in den riesigen Reisebus, nicht ohne ihr noch einige wichtige Hinweise zu geben: Ruf an, wenn du angekommen bist! Kein Alkohol, sonst schicken sie dich nach Hause! Amüsier dich gut! Exakt danach sah die Sache nicht aus. Als wir sie zum Abschied umarmen wollten, stoppte sie unsere Vorwärtsbewegung mit stählernem Blick. Denkt nicht mal dran, mich hier vor allen zu umarmen!, sagten ihre Augen. Okay, wir dachten nicht mal dran, trollten uns und fuhren durch den kühlen Sommermorgen zur Arbeit.

Zehn Tage ist das jetzt her. Und tatsächlich, langsam, aber sicher fehlt sie uns. Wer hätte das gedacht. Die anderthalb Wochen ohne Kind waren für den Vater und mich eine überraschend harmonische Zeit. Länger schlafen, tagsüber keine Ich-hab’-keine-sauberen-Jeans-mehr-Telefonate, abends auswärts essen gehen, statt nach Hause zu schwirren. Im fahlen Licht der Kühlschranklampe entdeckten wir nur noch trockenen Weißwein und Milch für den Morgenkaffee. Wir fühlten uns sehr wild, sehr jung. Und irgendwann sehr einsam. Denn da klaffte eine emotionale Lücke. Und die konnte nur unsere Tochter füllen.

So stehen wir denn an diesem Hochsommerabend erneut am Busbahnhof und gesellen uns zu den anderen Eltern auf Entzug. Alle schauen wir erholt aus, wir haben eine gute, konfliktfreie Zeit hinter uns. Unsere Erinnerungen sind mittlerweile gülden, die Kinder erscheinen uns als kleine Heilige, liebenswürdige Töchter und Söhne, die uns sicher vermisst haben werden. Als der Bus mit nur dreieinhalb Stunden Verspätung auf den Parkplatz rollt, stehen wir mit mildem Lächeln da, bereit, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen.

Mit leisem Zischen schweben die Bustüren zur Seite. Erwartungsvoll schauen wir in jenen Schlund, aus dem unsere Nachgeborenen auftauchen sollen. Müssen. Oder? Es dauert, bis das erste Einssechzigbaby im Türrahmen erscheint. Es ist ein Mädchen! Unser Mädchen! Das erkennen wir aber erst auf den zweiten Blick. Denn irgendwie hat sie sich verändert. Statt der Shorts trägt sie nun hautenge, schmutzige Jeans und ein bizarr gemustertes T-Shirt. Im Kindergesicht eine nachtschwarze tellergroße Sonnenbrille, schickt sich der kleine Erdenbürger an, grußlos an uns vorbeizumarschieren. Ihre Tasche schleift sie brutal übers Pflaster. Und irgendwie sieht sie so dünn aus! Ist sie es überhaupt? Aber kein Zweifel, die gehört uns. Gerade noch können wir sie an der Schulter packen: Hallo, du!

Hinter den Brillengläsern flackert etwas wie Erkennen – wer waren gleich noch mal diese großen Leute …? Jetzt fällt es ihr wieder ein. Muss schlafen, murmelt sie, und dass sie im öffentlichen Raum auf gar keinen Fall umarmt werden will. Aber klar, aber gern, aber sofort, signalisieren wir Unterwerfung. Wir spüren, ab jetzt ticken die Uhren anders. Aus dem gewohnheitsmäßig störrischen Kind ist in zehn Tagen Italien ein furchtloser Widersacher geworden. Die Pubertistin.

Wir fahren sie nach Hause, nehmen in Kauf, dass sie weder die extra für sie gekochten Senfeier isst noch unsere Fragen zu beantworten gedenkt. Den wenigen Sätzen, die sie uns hinwirft, entnehmen wir, dass sie erstens neue Freundinnen hat, zweitens morgen abend mit eben jenen Mädchen im Stadtzentrum verabredet ist und drittens dafür unsere Monatskarte haben muss. Ihre Forderung trägt sie mit kaum modulierter Stimme vor. Der Kindsvater und ich schauen uns verständnisinnig an: Die hat die Pubertätsgrippe, funken wir uns zu. Vier Wochen kommt sie, vier Wochen bleibt sie, vier Wochen geht sie. Und weil wir das wissen, stellen wir keine weiteren Fragen, sondern klopfen der frisch gebackenen Pubertistin das Knuffelkissen auf und händigen ihr die Monatskarte aus.

Es ist nämlich nicht so, dass uns diese Wandlung völlig unvorbereitet trifft. Die Pubertistin ist unser zweites Kind, wir haben also bereits eine erste Übungseinheit mit ihrer Schwester absolviert. Damals verlief die Pubertät schnell und heftig. Nach einem Vierteljahr war die Sache gegessen. Und so, davon gehen wir mal aus, wird es auch diesmal laufen.

September Anfang:
Grandiose
Kleinfrauen im
Ausgehbezirk

Seit den Sommerferien gehen seltsame Dinge in unserem Häuschen am Stadtrand vor. Wenn ich abends von der Arbeit heimkomme, finde ich die Pubertistin nicht mehr an ihrem angestammten Platz vor dem Fernseher, sondern in ihrem Zimmer.

Aber meine Hoffnung, hinter der verschlossenen Tür ein Mädchen vorzufinden, das seine Hausaufgaben verrichtet oder eine Kissenplatte bestickt, erfüllt sich nicht. Stattdessen plappert und plaudert es, dass es eine Freude ist. Was ist hier los?

Das Kind hat auf seiner Italienreise bekanntlich neue Freundinnen gefunden, und mit denen muss sie jetzt jeden Tag mehrere Stunden telefonieren. Sie heißen, soviel erfahre ich während einer kurzen Gesprächspause, Elektra und Yasmin, wohnen in einschlägigen Problemvierteln der nahen Hauptstadt und verfügen über die coolsten alleinerziehenden Mütter, die sich ein Mädchen nur denken kann.

Elektra und Yasmin dürfen nämlich am Wochenende gehen, wohin sie wollen. Nie machen ihre Mamas ihnen Vorschriften. Stattdessen versorgen ihre abwesenden Papas sie mit fürstlichen Taschengeldern, mit denen diese reizenden Kleinfrauen sich kaufen können, was immer der Einzelhandel hergibt. Die Pubertistin findet die Leben dieser beiden Zaubermädchen und ihre Familien so grandios, dass sie sich, scheint es, am liebsten adoptieren lassen würde.

Abbildung Seite 18

Der Pubertistinnenvater und ich tauschen tiefe Blicke. Klar möchten wir, dass unsere Tochter Freundinnen findet. Auch das sehr überschaubare Stadtrandleben halten wir keineswegs für das beste aller Angebote für eine Fünfzehnjährige. Aber welche Auswirkungen wird die Freundschaft zu diesen beiden Supergirls auf unser bislang gepflegtes Erziehungskonzept haben? Die Antwort darauf lässt nicht lange auf sich warten.

Das Erste, was die Pubertistin fordert, ist unsere Monatskarte. Der Vater und ich haben eine gemeinsame, die wir uns je nach Bedarf für den Arbeitsweg teilen. Mit der Karte möchte das Kind (spätestens!) am Freitagnachmittag in die nahe Großstadt aufbrechen – sie ihr zu borgen stellt quasi ein Menschenrecht dar. Schließlich haben wir sie, die geborene Hauptstädterin, vor Jahren in dieses Kaff am Stadtrand, in dieses kleine öde Häuschen am Ende einer verkehrsberuhigten Sackgasse verschleppt.

Und wer bezahlt dann unsere Fahrkarte, fragen wir die Pubertistin, wir brauchen die doch selbst. Na ihr, sagt sie, ihr habt doch genug Geld. Wie wär’s denn, wenn du das Ticket von deinem Taschengeld bezahlst? Jetzt bricht die Pubertistin schier zusammen. Von meinem Taschengeld!?, jault sie, das ist doch längst alle. Ja und, sagen wir, du kannst eben nicht immer gleich alles ausgeben, wenn du weißt, dass du am Wochenende noch mit der S-Bahn fahren willst.

Die nächsten Stunden halten mürrisches Schweigen ihrerseits bereit. Längst reden wir beim Essen darüber, was dieser Tag gebracht hat und der nächste bereithalten mag – die Pubertistin schmollt zäh. Ihr seid ja selber schuld, will sie uns damit wohl bedeuten, was glaubt ihr, wie aus mir ein passabler Mitmensch werden soll, ganz ohne Monatskarte?

Am Ende gewinnt sie, sie kriegt das Kärtchen, und ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Wir wollen ja auch, dass es ihr gut geht. Die ganze Woche macht sie, so Gott will, schön ihre Schule, da soll sie am Wochenende mal rauskommen und ihr soziales Netzwerk pflegen. Gute Reise, kleine Pubertistin! Aber um zehn bist du zu Hause.

Um zeeeeehn?!, läutet sie die nächste Krise ein. Das ist voll gemein, Elektra und Yasmin müssen erst um eins zu Hause sein. Das, antworte ich, mag sein, aber Elektra und Yasmin sind nicht unsere Kinder, sondern du. Und du bist um zehn zu Hause. Was willst du überhaupt so lange auf der Straße? Chillen, sagt die kleine Überfliegerin. Dann chill halt bis zehn. Aber denk dran, dass Schienenersatzverkehr ist.

Es ist dies meine kleine, gemeine Rache für den verschmollten Tag, für die schlechte Laune, mit der sie uns stundenlang gepeinigt hat. Ich weiß: Wenn sie um zehn zu Hause sein will, muss sie von da, wo Großstädterinnen wie Elektra und Yasmin so ihre Bahnen ziehen, spätestens um neun aufbrechen. Unser Haus liegt zwar malerisch und pittoresk am Waldrand, aber diese Lage hat nun mal den Preis, dass es die eine oder andere Minute länger dauert, um hierher zu kommen.

Warum, denke ich, soll es der Pubertistin besser gehen? Auch ich bin in einem ganz ähnlichen Vorort aufgewachsen, auch ich musste in ihrem Alter um zehn daheim sein, aufbrechen, wenn der von mir heimlich angeschmachtete Junge mich endlich wahrgenommen hatte. Logisch, dass ich ständig zu spät zu Hause angekommen bin, oder? Ich beschließe, Milde walten zu lassen. Im Gegensatz zu meinen Eltern, werde ich nicht mit der Stoppuhr in der Haustür stehen, eine Viertelstunde Verspätung will ich ihr gern nachsehen …

Am Freitagabend, die Pubertistin ist mit unserer Monatskarte seit Stunden auf der Piste, gucken der Vater und ich einen Krimi. Als der Abspann über den Bildschirm flimmert, geht die Haustür. Die Pubertistin ist zurück, sagenhafte fünfzehn Minuten zu früh. Verschwitzt vom Fahrradfahren steht sie im Zimmer: Bin ich zu spät?, japst sie. Ich stehe auf und nehme sie in den Arm. Ich bin erstaunt und gerührt, dass mein Wort ein solches Gewicht hat, dass dieser Kleinmensch pfeilschnell durch die Nacht angezischt kommt, nur damit ich mich nicht über sie ärgere. Sie muss doch keine Angst vor mir haben. Aber sagen, sagen werd ich ihr das natürlich nicht.

September Ende:
Das
Misstrauen
in die
Verhältnisse

Es ist fünf nach sechs, ich komme zu spät. Um 18 Uhr hat die Elternversammlung begonnen. Weil ich die Vorortbahn verpasst habe, komme ich verdammt noch mal zu spät. Ich hasse das. Dabei geht es heute abend um wirklich Wichtiges.

In diesem Schuljahr nämlich, das gerade begonnen hat, wird das Kind die zehnte Klasse absolvieren, am Ende muss sie sich sogar prüfen lassen. Für sie eine völlig ungewohnte Situation. In den vergangenen neun Jahren wurde alles, was auf Abruf von schulischen Leistungen abzielen würde, recht klein gehalten. Dafür hatte ich Verständnis – jedenfalls aus Sicht ihrer Korrektur lesenden Lehrerinnen und Lehrer. Aber jetzt – wumm! – wird’s ernst, und der hoffnungsvolle Nachwuchs soll aus dem Stand mal eben flott Motivation, Konzentration und Leistungsbereitschaft zeigen. Geht schon klar, das sollte sie hinkriegen.

Leider geht gar nichts klar. Der Klassenlehrer der Pubertistin, ein freundlicher Mittdreißiger aus der nahen Hauptstadt, teilt uns dreißig Müttern und den zwei Überraschungsvätern erst mal mit, wo überall es in diesem Schuljahr hakt. Zusätzliche Förderstunden – nicht mit ihm (und die Kollegen haben auch schon abgewunken). Lerngruppen – müssen die Schüler schön selbst organisieren. Elternstammtisch, zu dem er auch kommen soll – och nee!

Folgendes wiederum soll klargehen: Bitte mal zahlreich für die Fachkonferenzen melden! Fünf Euro mehr Kopiergeld für Arbeitsblätter! Und jetzt Freiwillige vor für die Wahl zur Elternvertretung!