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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Vorbemerkung
Die in diesem Buch geschilderten Schicksale beruhen auf den Erfahrungen der Autorin als Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology bei der Behörde für Inneres in Hamburg. Diese Dienststelle fungiert neben dem eigentlichen Aufgabengebiet als in der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit tätige staatliche Stelle sowie als Anlaufstelle für Beratungen von Personen, die Hilfe bei Kontakten mit Scientology benötigen. Insbesondere von ehemaligen Anhängern der Organisation oder Familien, von denen ein Angehöriger in die Fänge der Scientology geraten ist, wird hier Rat und Hilfe gesucht.
 
Die ausgeführten Begebenheiten, Situationen und Erlebnisse stehen beispielhaft für den Werdegang von Kindern in der Scientology-Organisation, haben sich zum Teil aber im Detail anders als beschrieben ereignet. Die Änderungen waren erforderlich, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu achten, aber auch, um die zu erwartenden rechtlichen Angriffe von Scientology abwehren zu können.
U. C.

Einleitung
Vor einem guten halben Jahr veröffentlichte ich das »Schwarzbuch Scientology«, genau zu einem Zeitpunkt, als die Scientology-Kirche zunehmend wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geriet und mehrfach versuchte, das Erscheinen dieses Buches zu verhindern. Doch vergebens.
 
Immer wieder wurde ich speziell auf die Betroffenheit von Kindern, die in die Organisation hineingeboren werden oder dort aufwachsen müssen, angesprochen. In meinem beruflichen Alltag habe ich gerade in diesem Punkt einen reichen Erfahrungsschatz sammeln können, den ich versuchen möchte, in diesem neuen Buch an Sie weiterzugeben. Schlicht vor dem Hintergrund, weil ich der Überzeugung bin, dass Aufklärung und Information ihren Beitrag leisten und dazu motivieren sollten, sich engagiert und kritisch gegenüber dieser Organisation zu äußern, die von sich behauptet, dass sich in ihrer Lehre religiöse Ansätze finden.
 
Kinder dieser Welt: Berichte über Schicksale, die sich mit Kindern beschäftigen, erfahren hohe Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft. Wer Kindern etwas antut, der wird gesellschaftlich nicht nur kritisch begleitet, sondern häufig genug geächtet und ausgegrenzt. Kinder zu manipulieren, sie für Zwecke zu benutzen, die sie nicht durchschauen können, oder sie körperlich zu misshandeln, das führt zu Recht regelmäßig auch zu politischen Diskussionen, die in dem Vorsatz enden, den Schutz von Kindern vor Übergriffen aller Art zu verschärfen.
Immer und immer wieder wird auch die Notwendigkeit der frühzeitigen Bildung für Kinder hervorgehoben. Eine Fremdsprache bereits im Kindergarten zu erlernen, viele Kindertagesplätze zu schaffen, um soziales Lernen frühzeitig möglich zu machen, auch für die, die vom Elternhaus her nicht angemessen – warum auch immer – gefördert werden können, dies und Ähnliches wird wohlwollend im Bildungsbereich diskutiert. Wer eine gute Bildung genießt, dem stehen alle Möglichkeiten offen, sich zu einem selbstbestimmten und selbstbewussten Erwachsenen zu entwickeln. Wer so aufwächst, also Chancen bekommt und diese nutzt, kann dieses Wissen an seine Kinder und Kindeskinder weitergeben. So weit, so gut!
 
Die Tatsache der mangelnden Aufmerksamkeit bis hin zur Leugnung des Problems ist immer dann zu verzeichnen, wenn Kinder oder Jugendliche im Licht der gesellschaftlichen Wahrnehmung unauffällig bleiben. Speziell Kinder von Scientologen scheinen zu »funktionieren«, sehen ordentlich aus, sind freundlich, und auch die Eltern machen einen nach außen getragenen akzeptablen Eindruck. Aufmerksame Nachbarn registrieren vielleicht eine gewisse Zurückgezogenheit der Familie, aber bei Begegnungen im Treppenhaus wird immer freundlich gegrüßt und der häufig überquellende Briefkasten wird auch so regelmäßig geleert, dass keine nachbarschaftlichen Probleme daraus resultieren. Alles unauffällig, alles eigentlich nett. Die Ereignisse hinter der Tür aber werden nicht erkennbar und somit nicht nur von den Nachbarn nicht wahrgenommen, sondern auch darüber hinaus nicht sichtbar – also auch nicht im gesellschaftlichen Kontext als problematisch erkannt.
Nur, wenn ein herangewachsener Mensch sich aus dem System zu lösen versucht und Hilfe benötigt, fällt auf, dass es in der entsprechenden Familie Probleme gibt und gerade die hilflos hineingeborenen Kinder betroffen sind. Häufig wird dies deutlich, wenn Familienmitglieder – oft die Großeltern – sich sorgen und den Staat um Hilfe bitten. Dann können Probleme dieser Kinder und Jugendlichen manchmal auch öffentlich wahrgenommen werden. Allerdings ist ein gesellschaftlich getragener Aufschrei über Einzelschicksale eher selten und schnell wieder verklungen. Die Kinder haben keine sichtbaren Wunden am Körper; eine Misshandlung ist nicht offensichtlich: keine blauen Flecken, keine gebrochenen Rippen. Nur an den Augen könnte man wahrscheinlich, wenn man genau hinsieht, das Leid erahnen. Aber wer schaut schon so genau hin?
 
Die mental programmierten und in Scientology »funktionierenden« Eltern benehmen sich auch nach außen hin systemkonform und geben sich regelmäßig empört darüber, ihren Kindern Leid angetan zu haben. Sie können nicht anders, da sie die Ideologie des Gründers (L. Ron Hubbard) verinnerlicht haben. Denn sie sind nach den Kurs für Kurs vermittelten Grundlagen »Teil der Organisation«, die die einzige Wahrheit kennt. Somit können sich die Mitglieder bei Einhaltung der Richtlinien nach ihrem Verständnis nur falsch verhalten, wenn sie von diesen abweichen. Zudem sieht Scientology eine Einschaltung staatlicher Stellen zum Wohl von Kindern nicht vor. Im Gegenteil: Sollten Eltern die außerhalb des Systems geltenden Regeln für sich und ihren Nachwuchs anerkennen, würden sie sich schuldig machen und mit Konsequenzen rechnen müssen.
Die Scientology-Organisation vertritt ein ideologisch geprägtes geschlossenes Denkmodell gemäß der These, dass es eigentlich keine Kinder gibt.
»(…) Ein Kind ist nicht eine besondere Art von Tier, die sich vom Menschen unterscheidet. Ein Kind ist ein Mann oder eine Frau, der oder die nur noch nicht zur vollen Größe herangewachsen ist. Jedes Gesetz, das für das Verhalten von Männern und Frauen gilt, gilt auch für Kinder.«
(Hubbard, Lafayette Ronald: Kinder-Dianetik, Kopenhagen 1983, S. 2)
Die Grundlage der Ideologie von intergalaktischen Kriegsschauplätzen und dem Kampf um Mutter Erde seit Jahrmillionen von Jahren verkündet, dass Geistwesen sich eines menschlichen Körpers bemächtigen. Dieses Geistwesen, den »Thetan«, gilt es zu befreien und damit die Menschheit zu retten. Wenn es um den Kampf gegen das »Böse aus dem Universum« geht, haben liebevolle Zuwendung und ein Eingehen auf die Bedürfnisse von Kindern eher wenig Raum.
 
Das Kind muss ebenso »funktionieren«, also möglichst schnell mit der Philosophie des Systems vertraut gemacht werden. Es muss wie Erwachsene lernen, dass außerhalb seiner Welt alles schlecht ist, nach dem Motto: Alles, was nicht mit uns ist, ist gegen uns, und muss entweder dazu gebracht werden, wie wir zu denken, oder bekämpft werden.
 
Die Auswirkungen eines solchen Gehirntrainings sind schon bei Erwachsenen schwer von außen wahrzunehmen bzw. als Gefahr zu erkennen, geschweige denn bei Kindern, die keine Chance haben, sich ihm zu entziehen.
Jedoch muss man die Möglichkeiten des Scientology-Systems auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Stillschweigendes Akzeptieren oder auch nur Ignorieren dessen, was sich mitten in der Gesellschaft an Parallelwelten entwickelt, gekoppelt mit seinem eigenen Anspruch an Erziehung und Bildung, kann verheerende Folgen haben. Sollte es den Scientologen gelingen, den ideologischen Grundsätzen eines L. Ron Hubbard so viel Raum zu geben, dass mentale Programmierung von Kindern als eine akzeptable alternative Erziehungsmethode etabliert wird, dann – spätestens dann – hat die gefährliche Organisation ein kaum noch umkehrbares großes Ziel in der Übernahme gesellschaftlicher Entwicklungen erreicht.
 
Dieses Buch soll aufklären, warnen und motivieren.
 
Aufklären über die Schicksale von Kindern, die so oder ähnlich, wie in diesem Buch geschildert, in allen Teilen der Welt, in denen Scientology als Organisation präsent ist, geschehen können und geschehen.
Warnen davor, dass bei weiterer Verharmlosung der ideologischen Ansätze und der praktischen Umsetzung durch die Hubbard-Nachfolger schleichend die menschenverachtenden Thesen immer weiter Raum einnehmen.
Und dazu motivieren zu erkennen, dass in einer solchen Welt keine Freiheit des Denkens und Handelns mehr möglich ist. Weder für Erwachsene, noch für die Schwächsten, die Kinder.
 
Anhand der fiktiven Person Edwin berichte ich von den mir bekannten verschiedensten Schicksalen von Menschen, deren Lebensgeschichten sich genau so oder ähnlich tatsächlich in der Scientology-Welt abgespielt haben oder abspielen können.
Um verständlich zu machen, warum bestimmtes Verhalten vorkommt, habe ich auch versucht, die Denk- und Handlungsweise der Eltern und des familiären Umfeldes beispielhaft aufzuzeigen. Bisher ist es leider nur einer Minderheit von Personen, die schon als Kinder mit Scientology in Berührung kamen, gelungen, die Organisation zu verlassen. Doch es gibt Beispiele, die Hoffnung machen. Eine wichtige Basis für einen gelingenden Ausstieg ist es, dass die Umwelt begreift, in welcher Parallelwelt diese Menschen aufgewachsen sind, und sich ein Bild davon macht, warum und wie intern agiert wird.
 
Vergessen werden darf nie, dass Schicksale von Kindern überall in der Welt, wo Scientology gegenwärtig ist, so geschehen können, vielleicht schon um die Ecke in Ihrer eigenen Stadt.
 
Ursula Caberta, im März 2008

L. Ron Hubbard – Der Philosoph der Philosophen
Das Schicksal von Kindern in der Scientology-Organisation wird bestimmt durch eine Theorie, besser: durch eine Ideologie, deren Grundsatz auf den Gründer L. Ron Hubbard (geboren 1911, gestorben 1986) zurückgeht.
 
Das »Scientology-Volk« selbst feiert – nicht zuletzt, um auch eine gewisse Überzeugungsarbeit für die Außenwelt zu leisten – diesen Menschen als jemanden, der alles weiß, als denjenigen, der die entscheidende Philosophie entwickelt hat, den einzelnen Menschen zu befreien und die gesamte Menschheit von allen Leiden zu retten.
 
Dass er selbst von sich – vorsichtig formuliert – sehr überzeugt war, machen seine Ausführungen in vielfachen Veröffentlichungen mehr als deutlich.
Unter der Überschrift »Excalibur« schreibt L. Ron Hubbard unter anderem:
»Angenommen, die ganze Weisheit der Welt würde auf eine Zeile reduziert werden, angenommen, dass diese Zeile heute geschrieben würde und Ihnen gegeben würde, Sie könnten mit ihr die Grundlage allen Lebens und Bestrebens verstehen. Liebe, Politik, Krieg, Freundschaft, Kriminalität, Geisteskrankheit, Geschichte, Geschäftsleben, Religion, Könige, Katzen, Gesellschaft, Kunst, Mythologie, Ihre Kinder, Kommunismus, Bankiers, Seeleute, Tiger und endlos viele andere Dinge. (…) Es gibt eine Zeile, die aus dem Morast der Tatsachen hervorgezaubert wurde und als eine zusammengefasste Einheit zur Verfügung gestellt wurde, um diese Dinge zu erklären. Die Zeile ist die Philosophie der Philosophien, die damit das gesamte Gebiet zurück zur einfachen und bescheidenen Wahrheit bringt.
Alles Leben wird durch einen Befehl und nur einen einzigen Befehl geleitet: ÜBERLEBE! (Hervorhebung im Original, d. Verf.)
(Lafayette Ron Hubbard Library [Hrsg.]: Ron, der Philosoph, 1996, S. 12)
Hubbards philosophischen Erkenntnisse lassen sich im Prinzip so kurz zusammenfassen. Was sich allerdings daraus nicht erschließt, ist das, was den einzelnen Menschen in der Organisation erwartet. Um dieses kurze »Überleben« zu erleben, sind zeitaufwändige und teure Kurse und Folgekurse zu belegen und ist eine Fülle von Büchern zu lesen. Bis hin zum so genannten »Auditing«, das die Erkenntnisse des Erlebten und Überlebten dem Einzelnen erst erschließt und damit vorgegeben ist. Es gibt nur einen Weg, die Vorgabe »überlebe« zu erfüllen, kein Abweichen ist statthaft, keine anderen Ideen sollen den persönlichen Weg begleiten. Was das im Einzelnen heißen kann, ist schon verschiedentlich dokumentiert und vor allem auch von ehemaligen Scientologinnen und Scientologen berichtet worden. Die Umsetzung dieses so kleinen Satzes hat also fatale Folgen: Die Selbsteinschätzung des Herrn Hubbard und die daraus abgeleitete Lebensphilosophie – wenn man es denn so nennen möchte – übertragen sich quasi auf seine Anhänger.
 
Das Verhängnisvolle ist weiterhin, dass sich diese Denkweise und das daraus abgeleitete Handeln wiederum auf die von Scientologinnen und Scientologen zu erziehenden Kinder übertragen. Von Generation zu Generation sollen damit die von Hubbard kreierten, allein glücklich machenden Ideen weitergegeben werden.
Bei der Theorie bzw. Ideologie bleibt es dann auch nicht. Hubbard hat nicht etwa seine »Erkenntnisse«, »Forschungsergebnisse« und »Philosophien« zur Diskussion gestellt und damit einer kritischen Betrachtung überlassen. Nein, seine Lebenssicht, seine Sprache, seine Technologie sind bewiesen und damit unerschütterlich. Sie entziehen sich jeder Diskussion und bedürfen keiner Bestätigung.
»Der zweite Grundsatz meiner Philosophie ist, dass sie anwendbar sein muss. (…) Kenne dich selbst und die Wahrheit wird dich frei machen.«
(Lafayette Ron Hubbard Library [Hrsg.]: Ron, der Philosoph, 1996, S. 82)
Die daraus abgeleitete Lebensweise ist ebenso unerschütterlich wie die Theorie.
 
Und dieser Weg der angeblichen Freiheit führt in ein unfreies System mit Kontrolle und Anweisungen, die keinerlei Entwicklung außerhalb ermöglichen. Ein vorgegebener Weg also, ohne nach links oder rechts schauen zu dürfen. Heranwachsen in einer freien Gesellschaft sieht anders aus.

Warum schreit Großvater schon wieder?
Die junge Frau schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Etwas gehetzt kommt sie vor einem alten Haus in einer Seitenstraße in der Nähe ihres eigentlichen Zieles an. Sie nimmt ihr Baby auf den Arm und geht die vier Stockwerke hinauf zu einer Wohnung. Ein etwas verschlafener junger Mann öffnet ihr die Tür. Die Frau übergibt ihm das Kleine und hetzt die Treppe wieder hinunter, beeilt sich, läuft schnell um die Häuserecken, bis sie schließlich dort ankommt, wo sie hin möchte: in die örtliche Scientology-Zentrale.
 
Ein strafender Blick der im Vorraum anwesenden Personen erzeugt bei ihr sofort ein schlechtes Gewissen. Ist sie zu spät? Nein, ein Blick auf die Uhr zeigt, sie ist absolut in der Zeit. Bevor sie weiter überlegen kann, bekommt sie die Weisung, zum »Fallüberwacher« zu gehen. Sie zuckt innerlich zusammen, eigentlich war sie heute gleich zum »Bodyrouten« eingeteilt, nun das …
 
In einem kleinen Raum wartet die Person der Organisation, die für sie, für ihren »Fall«, zuständig ist. Der Mann hat ihre Akte auf dem Schreibtisch und blättert darin. Er ist besagter »Fallüberwacher« und lächelt sie wie immer an, dann erhält sie ein weiteres Kommando. Er eröffnet ihr, dass sie bis zum kommenden Donnerstag noch ihren »PTS/SP-Kurs« abzuschließen hat. Sie nickt betreten und wird in ihren Job entlassen.
 
Die Frau erhält die zu verteilenden Flyer und geht auf die Straße, um Menschen anzusprechen und für Scientology zu werben.
Sie wird nervös, denn ihre persönliche »Erfolgs-Statistik«, nach der auch ihr Einkommen berechnet wird, ist nicht gerade glänzend. Sie hat in dieser Woche erst zwei Personen überreden können, in das Gebäude von Scientology zu gehen, und nur eine Person hat ein Buch gekauft, keinen Kurs, keine weitere Hoffnung auf mehr Einkommen. Ihr schießt durch den Kopf, dass der »Registrar« es wohl nicht geschaf hat, mehr klarzumachen. Nicht einmal den »Persönlichkeitstest« hat diese Person hingekriegt. Ärger steigt in ihr hoch.
 
Sie ist den ganzen Tag mit sich beschäftigt, ganz besonders mit der immer wiederkehrenden Angst, ihre Statistik nicht erhöhen zu können. Der PTS/SP-Kurs, in dem sie erkennen soll, welche »Hindernisse« es bei ihr oder in ihrem Umfeld gibt, die sie selbst am Fortkommen im System hindern und damit eine weitere Verbreitung der Scientology-Einheit in ihrer Stadt hemmen, bereitet ihr zusätzlichen Stress. Denn sie hat – trainiert durch Scientologen – bereits erkannt, wer sie behindert, wer quasi der »Übeltäter« ist: Es soll ihre eigene Mutter sein. Hatte sie sich nicht sicher gefühlt, ihre Mutter »im Griff«, also scientologisch gehandhabt zu haben – nun diese Erkenntnis … Ihr ist schlagartig klar, dass etwas passieren muss, um endlich die erhofen Fortschritte zu machen.
 
Spät am Abend, für ein acht Monate altes Baby viel zu spät, holt sie ihren kleinen Sohn Edwin ab, es ist nach 23 Uhr. Sie bemerkt nicht einmal seine nassen Windeln. Aber er weint, nicht laut, es ist eher ein Wimmern.
 
Zu Hause angekommen, legt sie ihr Baby trocken, bereitet die Flasche mit dem Gerstensaft vor. Das Rezept nach Hubbard liegt immer bereit, damit die Zutaten stimmen. Gedanken darüber, ob dieses eine babygerechte Nahrung ist, macht sie sich nicht. Warum auch, sie hält sich an die Empfehlungen, und die können gar nicht falsch sein.
 
Der Kleine kommt ins Bett. Sie selbst ist auch todmüde. Ihr Mann kommt nach Hause, spät wie immer, als sie schon fast eingeschlafen ist. Auch er ist natürlich ein aktiver Scientologe, alles andere wäre ein Problem. Kein Gespräch, keine Geste der Zuneigung – beide sind müde und wahrscheinlich mit ihren Gedanken beschäftigt, was sie heute für ihre Gruppe auf der so genannten »Dritten Dynamik« Positives erreicht haben. Da spielt es keine Rolle, dass nach kurzer Zeit der kleine Sohn wieder anfängt zu weinen.
 
Doch er hört nicht auf. Aus dem Wimmern wird lautes Schreien. Die junge Mutter wacht aus ihrem ersten tiefen Schlaf auf, hört das Kind, bleibt liegen und wartet. In ihrem Kopf gehen die Überlegungen hin und her. Warum schreit Edwin? Er will sie bestrafen. Natürlich. Mit einem Mal ist ihr klar, was diese und die vorherigen Nächte passiert ist. Sie hat auf ihrer »Zeitspur« noch ungeklärte Situationen mit dem kleinen Edwin … Ist er ebenso ein »Hindernis« wie ihre Mutter? Sie fühlt sich bei dieser Erkenntnis erleichtert und wird dieses morgen in der »Org« (interne Bezeichnung für die so genannten Kirchen in der Scientology) versuchen zu klären. Beruhigt schläft sie wieder ein und das Baby irgendwann auch – vom Schreien völlig erschöpft.
 
Die Situation wiederholt sich Nacht für Nacht, doch die junge Mutter hat noch immer keine Erklärung dafür, warum der kleine Edwin sie derart bestraft.
Doch dann, eines Morgens, fragt ihr Mann, der immerhin der Vater des kleinen Edwin ist, in vorwurfsvollem Ton, was denn los sei. Jede Nacht dieses Geschrei! Die junge Frau, die an den anderen Tagen eher genervt irgendetwas erwidert hätte, lächelt ihn nun an – und in sich hinein … Denn ihr Mann ahnt ja nicht, was sie selbst seit gestern weiß, und darüber reden darf sie mit ihm nicht.
 
Denn Erkenntnisse auf der persönlichen »Zeitspur«, die bei den »Auditing-Sitzungen« erforscht werden, sind nicht für andere bestimmt. Diese Erkenntnis ist eine Sache zwischen ihr und ihrem Großvater. Das ist das für sie nun alles erklärende Ergebnis der Sitzungen am »Hubbard E-Meter«. Den Großvater hat sie zwar nie richtig kennen gelernt, denn er starb kurz nachdem sie geboren wurde, aber das zählt nicht. Wichtig ist, dass sie endlich eine Erklärung dafür hat, was sie auf ihrer Spur, auf ihrem Weg im Leben mit Scientology, u. a. belastet hat. Sie weiß es jetzt, und sie ist sich sicher, denn was das »E-Meter« zeigt, kann nur die Wahrheit sein. Alle Scientologen sind von diesem Gerät und seinen Fähigkeiten fest überzeugt.
 
So hat die junge Frau erfahren, dass sie als Baby im Verhältnis zu ihrem Großvater Probleme aufgebaut hat. Was das auch immer gewesen sein mag, ist unwichtig, denn nun wird sie die Gelegenheit haben, alles wieder gut zu machen und alle Probleme, die daraus für sie entstanden sein mögen, zu regeln. Das Ergebnis der Sitzung war eindeutig und überzeugend: Der »Thetan« ihres Großvaters, das geistige Wesen, das laut Scientology-Lehren in jedem Körper wohnt und belastet ist, rebelliert im kleinen Edwin, denn es ist der »Thetan« des verstorbenen Großvaters, der den Weg in das kleine Baby gefunden hat.
Für die scientologisch denkende junge Mutter ist klar, dass, wenn sie bei weiteren Sitzungen die Probleme mit dem Großvater klärt, Edwin aufhört zu weinen. Welche Erlösung und welche Möglichkeiten für sie … An diesem Tag verspürt sie schon Erleichterung darüber, dass sie die Ernährung des Babys über die Anweisungen nach Hubbard regeln kann. Der Gedanke, ihren alten Großvater stillen zu sollen, wäre ihr unangenehm, ja sogar etwas eklig. Aber darüber spricht sie natürlich nicht. Und der kleine Edwin wird von ihr nie erfahren, dass er eigentlich der Großvater seiner Mutter ist.

Die Lehre vom »Thetan«
Um das Denken und Verhalten der jungen Mutter des kleinen Edwin einordnen zu können, ist die Kenntnis über die Hubbard’schen Lehrgebäude elementar. Immer wieder muss deutlich gemacht werden, dass Menschen sich im System Scientology verändern und Verhaltensweisen annehmen, die von außen anfänglich nicht erkennbar sind, die aber das Leben irgendwann einzig und allein prägen. Das gilt dann natürlich auch für den Umgang mit Kindern und das Handeln der Erziehungsberechtigten, das sich auf das heranwachsende Kind überträgt. Auch das Kind wird Schritt für Schritt in dieses Denkmuster eingeführt und dann entsprechend handeln.