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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 

Dank
Für Korrekturen und Anmerkungen danken wir den Gynäkologinnen aus dem Klinikum St. Elisabeth in Straubing, Dr. med. Gabriele Zeis und Dr. med. Ute Fuchs, der ersten Hebamme Birgit Griesbauer sowie dem dortigen Oberarzt Dr. med. Gerd Eilers.
Außerdem gilt unser Dank den niedergelassenen Kolleg(inn)en Dr. med. Cornelia Fischer (Leipzig), Dr. med. Winfried Pfaff (Schweinfurt) und Dr. Werner Schuler (Wiesbaden) sowie den freiberuflichen Hebammen Margit Raithmayer und Josefine Schlosser, die gerade ihr fünfzigjähriges Berufsjubiläum feiern konnte (beide Starnberg).
Unserer Mitarbeiterin im Heil-Kunde-Zentrum, Christa Maleri, haben wir ebenso zu danken wie Brigitte Zahn, außerdem Christine Stecher für das bewährte Lektorat.

Die Behandlungsvorschläge in diesem Buch entsprechen den Erfahrungen der Autoren und haben sich in der Praxis bewährt. Sie können und sollen jedoch nicht die individuelle Behandlung durch die Hebamme und/oder Ärztin ersetzen. Auch müssen sie in jedem »Fall« der jeweiligen Situation und den individuellen
Bedürfnissen von Mutter und Kind angepasst werden.

TEIL I
Der gute Weg ins Leben
Es ist die Frau, die Göttin, die das Geheimnis
der Schöpfung kennt – das Geheimnis des Lebens,
des Todes und der Wiedergeburt.
Mircea Eliade

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
»Im Anfang liegt alles«, weiß die spirituelle Philosophie. Das macht die Geburt zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der ganzen Medizin. Interessanterweise wird in der in Deutschland ab dem Jahr 2003 gültigen neuen Abrechnungsordnung alles medizinische Geschehen auf die Geburt bezogen. Vielleicht kann dieser rein verwaltungstechnische Akt auch inhaltlich die Dinge wieder etwas korrigieren und Schwangerschaft und Geburt in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rücken sowie die Bedeutung der Empfängnis in das Bewusstsein rufen. In diese Richtung zu wirken ist das Anliegen dieses Buches. Es umfasst zwei grundverschiedene Teile und eigentlich zwei Bücher in einem: ein erstes Buch, das die Chancen und wundervollen Seiten von Schwangerschaft und Geburt darstellt und dazu verhelfen kann, die Möglichkeiten dieser besonderen Zeit zu nutzen und das Lebensgefühl von Mutter und Kind zu heben. Es will dazu beitragen, die großen Wachstumsmöglichkeiten, die in allem Anfang liegen, auszuschöpfen. Es regt dazu an, dem Wort von Hermann Hesse nachzuspüren, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohnt.
Auf dem Gegenpol wissen wir aber auch, dass aller Anfang schwer ist. Dieser Erkenntnis widmet sich das zweite Buch, in dem es darum geht, mögliche Schwierigkeiten und Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt darzustellen und zu deuten. Ziel ist es, aus solchen Herausforderungen gleich zu Beginn des Lebens die Chancen herauszulesen, sie anzunehmen und an ihnen zu wachsen.
Auch wenn Probleme oft der eigentliche Dünger menschlichen Wachstums sind, macht es dennoch wenig Sinn, sie gleichsam zu suchen und sich vorsätzlich gerade in der Zeit der Schwangerschaft mit ihnen zu beschäftigen. So ungeschickt es ist, Schwierigkeiten zu ignorieren und zu verdrängen, so unangemessen ist es, sie in sein Leben zu holen, wenn das Schicksal, oder wie man die entsprechende Instanz nennen mag, das im Moment gar nicht verlangt. Wer sich unaufgefordert mit Problemen beschäftigt, wird sich zwar für den Umgang mit ihnen wappnen, aber er wird auch Resonanz zu ihnen schaffen. Fast jede Homöopathin kennt das Phänomen, dass sie, sobald sie sich intensiv mit einem Heilmittel beschäftigt, auch die Patientinnen bekommt, die es brauchen. Und fast jeder kennt die Erfahrung, dass diejenige, an die man gerade intensiv denkt, sich gleich darauf meldet.
Allerdings gibt es einige Themen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, die sehr wohl von allgemeinem Interesse sein mögen und so auch in den ersten Teil gepasst hätten, wegen der mit ihnen schwingenden negativen Bilder dann aber doch im zweiten besser untergebracht sind. Hier wären vor allem die geschichtlichen Rückblicke zu Mutterschaft und Geburtshilfe zu nennen, aber auch Kapitel über den Umgang mit Ärztinnen und ihren Möglichkeiten, über die Häufigkeit von Problemen in der Schwangerschaft, über die Möglichkeiten der Frühdiagnostik mit Hilfe etwa von Amniozentese und Ultraschall, über den Umgang mit im Allgemeinen so harmlosen Dingen wie der Übertragung oder über die Geburtsmatrizen nach Stanislav Grof.
Wir schaffen mit der Art, wie wir leben und denken, Bewusstseinsfelder 1, und diese sollten in der Schwangerschaft dem Wunder der Entwicklung und des Wachstums neuen Lebens auf den verschiedenen Ebenen gerecht werden. Es gilt, dem Besonderen dieser kostbaren Zeit zu entsprechen, und dabei will der erste Teil des Buches helfen. Diesen Zauber des Neuanfangs ungezwungen durch zu viel Problembewusstsein zu (zer-)stören ist nicht gerechtfertigt, und so sei einer werdenden Mutter auch lediglich der erste Teil des Buches zur durchgehenden Lektüre empfohlen. Vor dem Lesen des zweiten sei sie sogar im obigen Sinn gewarnt. Wir wünschen ihr und ihrem Kind, dass sie den zweiten Teil gar nicht braucht – oder jedenfalls nur in einzelnen ausgewählten (Problem-)Punkten, die sich gut selektiv nachschlagen lassen. Wenn im ersten Teil problematische Themen kurz berührt werden, die im zweiten ausführlicher dargestellt werden, sind sie mit einem Stern* gekennzeichnet.
Immer wieder – wenn auch insgesamt seltener, als es die Medizin vermittelt – verlaufen Schwangerschaft und Geburt anders, als wir es uns wünschen. Die Tendenz der archetypisch männlichen Machermedizin zu immer mehr Eingriffen – die nicht nur der Geburtshilfe wenig angemessen sind, sondern auch die natürliche Schwangerschafts- und Geburtsentwicklung stören, die aber den Trend in der ganzen modernen Medizin nachhaltig bestimmen – hat dazu geführt, dass wir Komplikationen fast als das Normale ansehen, weshalb Geburten ja auch in Krankenhäuser verlegt wurden. Diesbezüglich ist es von allem Anfang an notwendig zu durchschauen, dass dieser Trend den Interessen von Mutter und Kind entgegensteht. Wo aber Komplikationen auftreten, ist es natürlich wichtig, sie zu verstehen und zu durchschauen und sich ihnen ehrlich und mutig zu stellen. Hierfür bietet der zweite Teil Hilfestellung, wobei er auch genutzt werden kann, um den Mut und die Motivation zu finden, allen möglichen Herausforderungen des Schicksals offensiv zu begegnen und sich aktiv mit ihnen auseinander zu setzen.
Naturgemäß ist es nicht durchgehend möglich, die schönen von den Schattenseiten säuberlich zu trennen. Licht und Schatten liegen immer und überall sehr nahe beieinander, und oft sind wir vor Alternativen gestellt, die nicht alle Chancen einschließen. Die Vorteile der Hausgeburt gegenüber einer Klinikentbindung beinhalten auch zugleich den Nachteil der geringeren Sicherheit bei etwaigen medizinischen Notfällen. Wo immer es möglich ist, werden wir versuchen, diese Ambivalenz durchscheinen zu lassen, da wir sowieso nicht umhinkönnen, mit ihr zu leben. Doch prinzipiell ist der erste Teil des Buches den Chancen einer natürlichen Schwangerschaft und Geburt ohne Komplikationen gewidmet und den großartigen Möglichkeiten, die sich dabei eröffnen.
In vielen Büchern wird heute eine Entschuldigung dafür vorgebracht, dass im Text sprachlich immer die männliche Form gewählt wurde, wobei die weibliche Variante natürlich stets mit gemeint sei. Wir wollen hier in umgekehrter Weise verfahren. Wir haben bei einem so stark auf das Weibliche bezogenen Thema grammatikalisch immer die weibliche Form gewählt, schließen dabei selbstverständlich männliche Betroffene jeweils mit ein. Das Wort Ärztin oder Gynäkologin meint also auch den männlichen Arzt oder Gynäkologen. Das mag zwar etwas ungewohnt sein, es schien uns aber bei dieser Thematik nicht nur vertretbar, sondern geradezu zwingend notwendig zu sein.
So schreiben wir denn auch konsequent Chefärztin, wohl wissend, dass erst Ende des letzten Jahrhunderts in Deutschland erstmals eine Frau als chefärztliche Professorin für Gynäkologie berufen wurde. Ende des 19. Jahrhunderts gab es die erste ärztliche Approbation für eine Frau, und Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es nun die erste Lehrstuhlinhaberin und Leiterin einer Frauenklinik an der Münchner Technischen Universität. Wenn man sich einmal spaßeshalber die Umkehrung vorstellt, dass es zum Beispiel seit mehreren Jahrhunderten keinen einzigen männlichen Lehrstuhlinhaber für Urologie gegeben hätte, wird einem erst klar, wo wir stehen. Dessen eingedenk sind vielleicht auch einige diesbezügliche sprachliche Unebenheiten leichter akzeptabel.
 
Jede Autorin und jeder Autor prägen und färben durch ihre offen bekannte, aber mehr noch durch ihre uneingestandene Haltung ihr Thema, und jeder Mensch hat seine Symptome – natürlich auch wir, die wir diese Deutungen vorlegen. Und jeder hat auch sein Geburtsmuster. Um Mut zu machen, bei sich selbst genauer hinzuschauen, wollen wir unsere eigenen Geburtsmuster hier kurz nennen. Diese Vorstellung auf einer etwas anderen Ebene mag auch dazu beitragen, unsere eigene Motivation zu einem Buch wie diesem zu durchschauen.
Margit Dahlke ist als typischer Wassermann mit einem schnellen und etwas vorzeitigen Kopfsprung rasch auf die Welt gekommen (vier Wochen vor dem errechneten Termin) – natürlich in der Klinik, die einer ihrer Lieblingsorte blieb, weil sie dort ihren als Arzt tätigen Vater erleben konnte. Und so war sie auch später im Leben jeweils sehr früh zur Stelle und gern ihrer Zeit ein gutes Stück voraus. So wie sie bei der Geburt vorgeprescht ist, hat sie sich auch als junge Frau leicht und früh in eigener Regie von zu Hause abgenabelt. Ihre Themen Astrologie, Urprinzipienlehre und Spiritualität im Allgemeinen hat sie, lange bevor in der Öffentlichkeit die Zeit dafür reif zu sein schien, vertreten und mitgeholfen, sie durchzusetzen. Auch sonst zeigt sie die Tendenz, immer etwas früher fertig zu sein und früh zu gehen, zum Beispiel bei Festen und Partys. Typischerweise gebührt ihr auch aus diesem Grund der erste Platz in unserem Trio.
Ruediger Dahlke hat dagegen deutlich länger gebraucht und ist drei Wochen über die errechnete Zeit im Mutterleib geblieben. Auf diese Art zu groß und zu schwer geworden konnte er von seiner Mutter nur sehr mühsam und zäh zu Hause zur Welt gebracht werden. Er neigt bis heute dazu, es sich mit Neuanfängen und neuen Themen nicht eben leicht zu machen, lieber länger zu bleiben und zum Beispiel Vorträge und Seminare zu überziehen. Sein Beginn mit einer Übertragung spiegelt sich aber auch darin wider, dass er dazu neigt, gebotene Situationen weidlich auszunutzen und auszukosten. Er wurde lange gestillt und hat sich auch bei späteren Übergängen wie der Pubertät viel Zeit gelassen. So ist er geradezu zum Spezialisten für Lebensübergänge geworden. Da er den überwiegenden Teil des Buches geschrieben hat, ist es auch – wie viele seiner Bücher – lang und auch ziemlich gewichtig geworden.
Volker Zahn hat sich die Kriegszeit für seinen ersten Auftritt ausgesucht. Mit Hilfe einer Hebamme erblickte er in einer Klinik das Licht der Welt. Die Ernährungslage war kriegsbedingt äußerst schwierig, und er konnte nicht gestillt werden. So legte er dann als Klinikchef immer gesteigerten Wert auf das Stillen – schon zu Zeiten, als selbiges noch ganz unpopulär war. Da sein Vater wegen des Krieges bei der Geburt nicht dabei sein konnte, unterstützte er es früh, dass Väter bei der Geburt anwesend sind. Er betreut diese werdenden Väter gern mit. Frühzeitig setzte er sich für eine möglichst naturnahe Geburt unter weiblicher Leitung ein, ohne auf die sichernden Möglichkeiten der Klinik im Hintergrund zu verzichten. In einer Zeit schwieriger Ernährungsverhältnisse auf diese Welt gekommen, ist er heute außerdem Spezialist für vollwertige Ernährung und Umweltmedizin.

Die Empfängnis

Seele und Verkörperung

Sobald wir versuchen, uns auf die Sicht der Seele bezüglich der Empfängnis einzustellen, kommen wir zu anderen Ergebnissen, als wir sie von unserer heute üblichen eher technischen Betrachtungsweise gewohnt sind. Diese beschränkt sich darauf, wie wir die Empfängnis verhindern oder auch erreichen und manchmal sogar mit gynäkologischer Hilfe erzwingen können. Die Betrachtung aus Seelensicht ist uns weitgehend fremd geworden. An dieser verschiedenartigen Sichtweise – ob wir die Schwangerschaft rein vom Verstand her sehen, was der modernen, eher mechanischen Sicht entspricht, oder mit dem Herzen, womit wir der Sicht aus der Seelenperspektive des Kindes nahe kommen – spaltet sich heute die Gesellschaft. Wir wollen uns in diesem Buch vor allem der Seelenperspektive des Kindes annähern.
Aus den Erfahrungen der großen religiösen Traditionen besonders des Ostens geht hervor, dass die Seele durchaus auch jenseits unserer diesseitigen Welt über Bewusstsein verfügt. Sowohl vor der Empfängnis als auch nach dem physischen Tod lebt die Seele, wenn auch ohne körperliche Basis. Die moderne Sterbeforschung, aber auch die Pränataldiagnostik, die sich bemüht, schon lange vor der Geburt die intrauterine Welt des Ungeborenen zu erforschen, tasten sich jeweils von ihrer Seite aus immer näher an diese Übergangsbereiche des Lebens zum Jenseits heran.
Wie weit die Wissenschaft auch vordringt – stets muss sie feststellen, dass die alten Weisheitslehren und ihre heiligen Bücher Recht haben.2 Soweit wir es bisher überblicken können, stoßen wir immer auf Bewusstsein. Damit liegt der Verdacht zumindest nahe, dass das überlieferte Wissen auch in jenen Bereichen, die wir heute selbst mit modernsten Techniken noch nicht erforschen können, ebenfalls Recht behalten wird. Das aber bedeutet, dass die Seele immer vorhanden ist und die so genannten Anfangs- und Endpunkte von Empfängnis/Geburt und Tod in Wirklichkeit lediglich Übergangszonen markieren, die den Wechsel zwischen unserer Welt der Gegensätze und jener anderen Seite der Einheit ermöglichen. Moderne Forschung wie natürlich auch die Lehren aller großen Religionen sprechen dafür, dass die Seele diese Übergänge bewusst erfährt, und nichts außer ein paar Vorurteilen spricht bisher dagegen. Diese Vorurteile werden allerdings auch von Wissenschaftlerinnen – wenn auch auf gänzlich unwissenschaftliche Weise – genährt, was ihnen in einer streng wissenschaftsgläubigen Gesellschaft allerdings große Resonanz verleiht.
Aus der Sicht der Reinkarnationstherapie, einer Therapieform, die in den letzten zwei Jahrzehnten auch im deutschsprachigen Raum immer populärer geworden ist, weil sie die Vorteile der traditionellen Therapierichtungen mit denen der spirituellen Traditionen verbindet, stellt sich die Empfängnissituation genau so dar, wie es uns die großen Religionen schon immer beschreiben. Die Seele sucht sich bewusst ihre neue Aufgabe für das kommende Leben – entsprechend den im vergangenen Leben offen gebliebenen Aufgaben und Themen. Diese Form von Bewusstseinsevolution, bei der die Seele von Leben zu Leben beziehungsweise von Körper zu Körper ihre Erfahrungen macht und dabei immer bewusster wird, ist sowohl für den Buddhismus als auch für den Hinduismus selbstverständlich. Aber auch im Christentum wird davon ausgegangen, dass eine unsterbliche Seele sich zu Anfang des Lebens im Körper einfindet oder eben inkarniert. Die Jünger fragten Jesus wohl nicht ohne Grund, ob er der wiedergekommene Elias sei. Worauf er sie darauf hinwies, dass er schon in Gestalt von Johannes dem Täufer wiedergekommen sei. Voraussetzung für solch einen Dialog kann nur sein, dass der Gedanke der Seelenwanderung zur Zeit von Jesus Christus und in dessen Weltbild eine Selbstverständlichkeit gewesen ist. Auch noch frühe Kirchenväter wie Augustinus gingen ganz klar von der so genannten Präexistenz der Seele aus, was nichts anderes bedeutet, als dass die Seele sich im Körper inkarniert. Erst Jahrhunderte nach Christi Geburt wurde auf einem Konzil von päpstlicher Seite beschlossen, den Glauben an die Reinkarnation zu untersagen. Doch selbst in einem christlichen Land wie Deutschland sind laut Umfrage heute noch immer 16 Prozent der Menschen fest davon überzeugt, schon einmal gelebt zu haben, und über 60 Prozent können es sich zumindest vorstellen.

Der Beginn des Lebens aus spiritueller Sicht

Wir müssen davon ausgehen, dass in dieser Schöpfung alles rhythmisch verläuft. Die Wissenschaft kann das für die materielle Welt sogar belegen, besteht in ihr doch alles nachweislich aus Energie, die sich rhythmisch um die winzigen Atomkerne bewegt, die ihrerseits wiederum in rhythmischer Bewegung schwingen.
Wenn wir die Welt des Lebendigen betrachten, finden wir ebenfalls weder einen wirklichen Anfang noch ein wirkliches Ende. Auch hier entwickelt sich aus einem Wellental ein Wellenberg und so weiter und so fort. In der hermetischen Philosophie wird das zum Beispiel am Symbol der zehnten Tarotkarte dargestellt, dem Schicksalsrad. Es dreht sich unaufhörlich, und so folgt auf jeden Aufstieg ein Abstieg und umgekehrt. Projiziert man diese Bewegung auf eine Linie, ergibt sich eine unendliche Welle von Aufstieg und Abstieg – ohne Anfang und Ende. So wie die Wellenlinie auf ihrem Weg von unten nach oben und oben nach unten immer wieder eine gedachte Mittellinie kreuzt, was man als Anfangs- und Endpunkte betrachten könnte, ist dies auch gedanklich auf das menschliche Leben übertragbar, das mit der Empfängnis in die Polarität eintritt und diese beim physischen Tod wieder verlässt. Aus der Physik wissen wir, dass sich Energie (= Leben, Geist) nicht erzeugen oder vernichten lässt; nur die Erscheinungsform der Energie kann verändert werden.
Für das Leben der Seele, das einer Energieschwingung gleich weder Anfang noch Ende kennt, ist es natürlich trotzdem notwendig, die Betrachtung an irgendeinem Punkt zu beginnen. Da nach Auffassung der spirituellen Philosophie im Anfang alles liegt und folglich hier der Schlüssel zu einem tiefer gehenden Verständnis des Lebens gefunden werden kann, wollen wir diesen Punkt mit der Empfängnis – und nicht erst mit der Geburt – absichtlich ungewohnt früh wählen.
Aus der eingangs beschriebenen Perspektive ist das Bewusstsein der unsterblichen Seele bereits da, wenn sich die Eizelle und der Samenfaden in der Befruchtung finden. Die modernen therapeutischen Erfahrungsmöglichkeiten der Reinkarnationstherapie, die weit vor die Zeit der Befruchtung zurückreichen, ermöglichten es, den eigentlichen Beginn eines individuellen Lebens immer weiter nach hinten, in die Vergangenheit, zurückzuverlegen. Diesem Gedanken folgt die Reinkarnationstherapie, wenn sie die Vorbedingungen einer jetzigen Existenz und den Ursprüngen heutiger Verhaltensmuster bis in sehr frühe Zeiten nachspürt.
Für unsere Zwecke bewährt es sich hier, den Punkt, an dem die pfeilförmige Samenzelle sich mit der einem vollkommenen Mandala entsprechenden Eizelle vereinigt und der von den meisten als Empfängnis angesehen wird, als Beginn für unsere Reise zu wählen. Es soll hier jedoch erwähnt werden, dass auch die noch weiter gehende Zurückverlegung des Anfangs eines individuellen Lebens Vorteile hat. Eine Person, die beispielsweise in einer entsprechenden Therapie erkennt, dass sie sich dieses spezielle Leben mit all seinen Aufgaben bereits vor ihrer Empfängnis selbst ausgesucht hat, wird es mit seinen Höhen und Tiefen viel leichter annehmen können. Diese Person wird auch weniger dazu neigen, Verantwortung auf andere (Umstände oder vergangene Leben) zu projizieren. Dadurch wiederum wird sie viel eher in die Lage versetzt, ihr Leben zu bewältigen.
Wo Kreis (Samenzelle) und Pfeil (Spermium) zusammenkommen, entsteht das Urmuster der Spirale, die eine kreisförmige Auf- oder Abwärtsbewegung ist. Dieses Urmuster erlebt die Seele auch zumeist sinnlich, wenn sie sich in Gestalt eines Soges in den mütterlichen Körper senkt. Durch die Vereinigung von Ei und Samen ist eine gemeinsame Form gegeben, und der entsprechende Inhalt, die Seele, tritt hinzu. Die Seele verkörpert sich also in der Regel mit der Befruchtung und verbindet sich in den nächsten drei Schwangerschaftsmonaten immer fester mit dem physischen Körper.
Interessant ist, dass der archetypisch männliche Pfeil beim Empfängnisakt im Ei sozusagen aufgeht, nachdem er die Eihaut durchbohrt hat. Er verliert seine eigene männliche (Pfeil-)Gestalt und wird eins mit dem Ei, dem Urbild des Mandalas.3 Dieselbe Symbolik finden wir auf vielen Ebenen wieder, etwa wenn der Mann beim Orgasmus sich in der Frau verliert und in ihr aufgeht. Auch der Phallus erlebt dasselbe, wenn er nach vollbrachter Aussendung der Samentierchen gleichsam seine Form verliert und sich der Weichheit des bergenden Schoßes ergibt.
Das Leben in der Polarität, der Welt der Gegensätze, kann nun beginnen, nachdem der männliche Pfeil das runde weibliche Ei getroffen hat. Wie tief diese Ursymbolik auch andere und sogar banale Ebenen berührt, mag der verbreitete Versuch zeigen, mit (männlich-)phallischen Geschossen die Mitte einer kreisrunden Zielscheibe, eines Mandalas, zu treffen. Dieses Spiel wird typischerweise auch fast nur von Männern »gespielt«. Mit Frauen sind keine Kriege zu führen. Sie haben von ihrem Urmuster her kein großes Bedürfnis, phallische Geschosse in die Welt zu senden, um die weibliche Mitte zu treffen. Sogar beim Golfspielen sind sie weniger bereit, den Ball einzulochen. Von ihrem archetypischen Muster her würden sie die Kugel eher auffangen, als sie abzuschießen oder wegzuschlagen.
Ab dem Moment der Befruchtung teilt sich die Eizelle beständig, und aus dem anfänglichen Zellhaufen, der Morula, wird schon bald ein Embryo, der die Mandalagestalt äußerlich immer mehr verlässt, wobei er sie innerlich in jeder Zelle und jedem Atom bewahrt – nicht zuletzt auch in der Gestalt des Kopfes.
Die Seele erlebt oftmals mit, dass sie über den Samenpfeil in die Mitte der Eizelle und schließlich in das Innere der Gebärmutterhöhle gelangt. Subjektiv wird die Empfängnis bei der Reinkarnationstherapie meist als ein sanftes spiraliges Eingesogenwerden empfunden, was mit dem Verlust des Gefühls für die unendliche Weite des grenzenlosen Weltenraumes verbunden ist. Die Spirale, deren Kreise trichterförmig immer enger werden und damit dem Urmuster des Wirbels vollkommen entsprechen, führt schließlich in den Mutterleib – das Leben beginnt in der Mitte des Mandalas.
Am Anfang bleibt die Verbindung zwischen Seele und neuem Körper noch locker, ähnlich wie sie sich nachts im Schlaf und Traum lockert. Doch sie nimmt mit jedem Tag des Lebens zu und festigt damit den Willen der neuen Erdenbürgerin, sich zu inkarnieren. In der Regel ist dann im dritten Monat für sie die Entscheidung zu bleiben endgültig gefallen, was allerdings nicht heißt, dass Kinder nicht auch schon vor diesem Zeitpunkt verzweifelt um ihren Platz kämpfen können.
Früher waren uns Vorstellungen über das Verhältnis der Seele zu ihrem Körper nur über symbolische Bilder aus Mythos und Religion vertraut, inzwischen werden sie stimmig ergänzt durch das reiche Material, das spirituelle Psychotherapien zutage fördern. Im Rahmen der von uns praktizierten Form der Reinkarnationstherapie hat es sich über mehr als zwanzig Jahre bewährt, auch die Zeit rund um die Empfängnis intensiv wiedererleben zu lassen, um sich ein klares Bild von den eigenen Anfängen in der polaren Welt zu verschaffen. Der immense Vorteil solcher Betrachtung liegt – wie bereits erwähnt – darin, dass die Seele hier noch Zugang zu der Erkenntnis hat, dass sie sich selbst völlig eigenverantwortlich dieses Leben in diesem Körper und in diesem Umfeld ausgesucht, ja geradezu verdient hat. Etwaigen späteren Schuldprojektionen und einschlägigen Klagen über ungerechte Umstände und Benachteiligungen wird damit der Boden entzogen, und häufig lassen sich so lebensbehindernde Projektionen durchschauen zugunsten der vollen Übernahme der Verantwortung für das eigene Schicksal.
Neben solchen zugegebenermaßen immer subjektiven Erfahrungen haben wir heute noch verschiedene andere, objektiver anmutende Möglichkeiten, uns Eindrücke von der frühen Welt des wachsenden Menschen zu verschaffen. Mittels Ultraschall gelingen den Medizinerinnen schon früheste Einblicke. Mit Hilfe ausgefeilter Laboruntersuchungen lassen sich im Rahmen der Pränataldiagnostik immerhin Daten zur biochemischen Lebensqualität des Embryos gewinnen. Solche Untersuchungen belegen zum Beispiel, dass spätestens ab dem dritten Schwangerschaftsmonat vom Embryo Schmerzen empfunden werden können, und die Hirnwellen verraten, dass der Embryo ungefähr zur selben Zeit zu träumen beginnt und einen Schlaf-Wach-Rhythmus entwickelt.
Mit Abstand am eindrucksvollsten für Laien dürfte allerdings die spektakuläre Intrauterinfotografie des Schweden Lennart Nilsson 4 sein, um sich ein Bild von der frühen Welt des Kindes im Mutterleib zu machen. Auch wenn diese Bilder heute ambivalente Reaktionen auslösen, einfach weil der Embryo in dieser frühen Zeit von verschiedensten medizinischen Interventionen (oft zum Zweck der Abtreibung) bedroht ist, sind sie doch sehr berührend und zeigen vor allem zweifelsfrei, dass hier ein kleiner Mensch heranreift. Dieser innerweltlichen Fotografie verdanken wir wahrscheinlich weiter gehend, als wir es uns eingestehen, das wachsende Gefühl der Verantwortung für das werdende Leben, ähnlich wie es erst die Bilder der Astronauten von Mutter Erde waren, die dem Gaia-Bewusstsein eine sinnliche Grundlage gaben.
Aus dem Zustand von Ungebundenheit und Weite, Freiheit und Schwerelosigkeit, den die Seele vor der Empfängnis erlebt, löst sie der beschriebene spiralige Sog und lässt sie immer schneller in die Materie (lat.: mater = Mutter) stürzen. Nach östlicher Auffassung gebiert sich aus dem so genannten Karma der Wunsch nach Wiederverkörperung. In der Reinkarnationstherapie erleben wir, wie die noch offen gebliebenen Lebensaufgaben und Erfahrungen die Seele in Form der neuen Chance in einem neuen Körper gleichsam anziehen. Praktisch laufen diese östlichen und westlichen Lehren oder Erfahrungen auf dasselbe hinaus, denn das Karma ist so etwas wie die Vorgeschichte der Seele mit all ihren Konsequenzen und Forderungen. Insofern kommt die Seele in diese polare Welt, um mit in früheren Zeiten unbewältigt gebliebenen Aufgaben fertig zu werden, aber auch um weiterzulernen und wieder neue Fehler zu machen, um daran noch Fehlendes zu integrieren. Ihr Ziel ist Vollkommenheit, Ganzheit oder Befreiung – Synonyme für ein und dasselbe Erleben von Einheit. Über dieses letzte Ziel des Entwicklungsweges sind sich letztlich alle Religionen und Traditionen einig, wenn sie es auch mit ihren jeweils eigenen Worten und Bildern umschreiben und rein äußerlich ganz verschiedene Wege dorthin weisen.
Die sich in den Körper herabsenkende Seele kann dabei die beiden Menschen, die ihre zukünftigen Eltern sein werden und die sich körperlich und im Idealfall auch seelisch vereinigen, durchaus deutlich und zumeist von oben erkennen. Selbst bei weniger idealen Umständen gibt es bei der Empfängnis noch keine ausgeprägten Probleme mit Wertungen von Seiten der Seele, da sie noch ganz von der Einsicht in die Notwendigkeit ihrer zukünftigen Lernaufgaben durchdrungen ist.
Die eigentliche Empfängnis, das Eintauchen in den mütterlichen Schoß, wird im Allgemeinen als Sturz in die Materie erlebt, den die Seele mit einem Verlust ihres Freiheitsgefühls und ihrer Ungebundenheit bezahlt. Oftmals wird die Empfängnis auch durch den väterlichen Körper erlebt, wobei sich die Seele wie ein Geschoss mit dem Samen auf das Ei zubewegt. Was subjektiv als Einengung und manchmal sogar wie ein In-die-Gefangenschaftdes-Körpers-Geraten erlebt wird, lässt dem winzigen Geschöpf in Wirklichkeit mehr als genug Raum. Lediglich subjektiv und gemessen an der Weite und Unbegrenztheit des vorherigen transzendenten Erlebens kann der Mutterschoß als Einengung und Beschränkung empfunden werden.
An sich ist das »Nest« in geradezu idealer Weise vorbereitet, wenn es zu einer Einnistung kommt. Im Wort Empfängnis steckt nicht umsonst der Empfang, und tatsächlich ist hier in der Gebärmutter alles für einen optimalen Empfang eingerichtet. Die Schleimhaut ist in wunderbarer Weise darauf vorbereitet, dem befruchteten Ei zum nährenden Nest zu werden. Die Einnistung erfolgt – sofern keine entsprechenden Verhütungsmaßnahmen getroffen werden und auch seelische Empfängnisbereitschaft vorliegt – in einem, verglichen mit der phallisch-rabiaten Befruchtung, eher sanften Akt. Das befruchtete Ei wird gemächlich auf sein Ziel zubewegt und kann sich an einem ihm genehmen Ort niederlassen. Die Aufnahme durch die Schleimhaut geschieht dabei durchaus aktiv, denn schon nach kurzer Zeit ist das befruchtete Ei gleichsam in die Wand der Gebärmutter eingewachsen und von bergenden Zellen umgeben.

Die Wahrnehmungswelt des Ungeborenen

Wenn sich die Seele nach kurzer Zeit an den neuen Lebensraum gewöhnt hat, wird er als wärmend und Geborgenheit spendend empfunden. Er ist noch für lange Zeit groß und geradezu weitläufig für den winzigen, aber von nun an rasch wachsenden Organismus. Es entwickelt sich das Wasserreich der Fruchtblase – das eigene kleine Universum des Ungeborenen.
Aus dem perfekten Mandala der befruchteten Eizelle wird zuerst der kleine Zellhaufen der Morula, der immer noch ein vollkommenes Mandala darstellt. Dann differenziert sich das Ungeborene immer mehr und entwickelt schon im Lauf der ersten Schwangerschaftswochen seine menschlichen Formen. Bald erkennt man das frühe Neuralrohr, aus dem sich später das Rückenmark entwickeln wird. Schon lange bevor sich das Herz richtig ausmachen lässt, entsteht ein pulsierendes Zentrum als Anlage des späteren Herzens. Es umfasst nur eine einzige große Kammer, die während der ganzen Schwangerschaft von einem breiten Blutstrom durchflossen wird. Auch darin wird deutlich, wie nah das ungeborene Kind der Einheit noch ist. Erst mit dem ersten Atemzug nach der Geburt teilt sich das Herz funktional in eine linke und rechte Hälfte. Erst damit wird das Kind endgültig Teil unserer zwiespältigen polaren Welt.
Schon recht bald entwickeln sich auch die Knospen der Extremitäten, die oberen deutlich vor den unteren, und zeigen zarte und noch durchsichtige Ansätze von Fingern und Zehen. Der Kopf wirkt bereits in dieser frühen Entwicklungsphase ausgesprochen dominant und ist im Verhältnis zum Körper nie mehr so groß wie jetzt zu Beginn des Lebens. Der Embryo erinnert in dieser Zeit und Form sehr an das Spermium. Das Ungeborene ist nun längst aus der perfekten Mandalaform der befruchteten Eizelle herausgewachsen und hat sich Stück für Stück die Polarität erobert.
Das in eine linke und eine rechte Hälfte gespaltene Gehirn entwickelt sich, wie auch die paarigen Organe der Lungen mit ihren beiden Flügeln. Die Nieren, die Eierstöcke oder Hoden werden angelegt, und auch die Leber findet ihren Gegenpol in der Bauchspeicheldrüse. Alle Sinnesorgane geben der Zweiheit Ausdruck, und die Keime der ersten Knochen zeigen die Richtung zunehmender Verhärtung und damit auch Verkörperung an, die notwendig ist, um in einer harten und durch und durch von Gegensätzen bestimmten Welt bestehen zu können. Bei all dieser Differenzierung bleibt das Ungeborene jedoch bis kurz vor seiner Geburt in der mandalaförmigen Fruchtblase des Anfangs geborgen und im warmen Fruchtwasser bestens abgeschottet und geschützt.
Während der Körper heranwächst und schon zunehmend seine späteren Strukturen ausbildet, durchläuft die Seele ihren eigenen Entwicklungsprozess, der eher einer Rückentwicklung gleichkommt. Die Seele lebt sich immer mehr in die mütterliche Welt der Materie ein und verliert allmählich ihre Erinnerung an frühere Existenzen – überhaupt an ihre Vorgeschichte und damit auch das Bewusstsein, dass sie sich gerade diese Eltern und diese bestimmte Situation ausgesucht hat. Solange die Körperstrukturen noch transparent und sogar die Knochen noch durchscheinend sind, wie die Bilder von Lennart Nilsson eindrucksvoll zeigen, steht dem Ungeboren der Einblick in die transzendente jenseitige Welt noch weitgehend offen. Mit der stetig zunehmenden Verfestigung wird schließlich auch die Wahrnehmung robuster und immer materieller, und der Einblick in transzendente Zusammenhänge geht mit der Transparenz der körperlichen Strukturen langsam, aber sicher verloren. Nur in seltenen Fällen bleiben bei sehr sensitiven Menschen solche Fähigkeiten erhalten, die dann nicht nur Chancen bedeuten, sondern auch zu erheblichen Belastungen in der polaren Welt der Gegensätze führen können. Endgültig legt sich der Schleier des Vergessens spätestens im Alter von sechs bis sieben Jahren über das Bewusstsein des Kindes, wenn es mit dem Schuleintritt den ersten bedeutsamen Schritt aus der Kindheit tut.
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(1) Eizelle, (2-5) Morula, (6) Das Kind im Mutterleib,
(7) Menschen-Fünfstern
(Quelle: Ruediger Dahlke, Arbeitsbuch zur Mandala-Therapie.)
Die Seele des Ungeborenen nimmt praktisch alles um sich herum über die Gefühlswelt der Mutter wahr. Diese wirkt dabei für das Ungeborene wie ein Filter. Was der Mutter nahe geht, dringt auch direkt bis in das Erleben des Kindes vor. Wenn dagegen etwas die Mutter wenig tangiert, erreicht es das Kind entsprechend schwächer oder manchmal auch gar nicht. So kommt es, dass Emotionales im Allgemeinen viel tiefer in die kindliche Fruchtwasser- und Seelenwelt eindringt als Intellektuelles. Solange zum Beispiel die Mutter felsenfest zu ihrem Kind steht, sind etwaige ökonomische Bedenken des Vaters gegen den Familienzuwachs von untergeordneter Wichtigkeit für das Erleben des Kindes.
Was der Mutter gefühlsmäßig wichtig ist, zählt auch vorrangig für das Ungeborene. So erlebt es beispielsweise bewusst mit, wie die Mutter ihre Schwangerschaft zum ersten Mal bemerkt und darauf reagiert. Ob diese Entdeckung spontan Freude oder Schrecken auslöst, kann sich auch deutlich in der späteren Beziehung zwischen Mutter und Kind zeigen, ebenso, wie dieser Mensch sich in der Welt angenommen fühlt. Gefühle wie Freude und Abneigung teilen sich unmittelbar mit. Das Kind badet im wahrsten Sinn des Wortes in der Seelenwelt der Mutter.
Praktisch alle Gefühlszustände, die die Mutter während der Schwangerschaft durchlebt, werden – fast wie eigene – wahrgenommen. Abtreibungsversuche, oder auch nur Gedanken daran, werden ebenso aufgenommen und können das bereits entstandene Gefühl von Geborgenheit und Gefühlswärme in-Frage stellen oder im Extremfall auch zerstören. Die Seele bekommt zum Beispiel auch die Erwartungen der Eltern an das Geschlecht des Kindes unmittelbar mit. Schon der starke Wunsch der Eltern nach einem bestimmten Geschlecht kann erheblich belastend wirken. Da die Eltern, insbesondere die Mutter, auch heute noch häufig einen Jungen bevorzugen und auf einen solchen hoffen, wird in vielen Fällen das heranwachsende Mädchen wissen, dass es bei der Geburt eine Enttäuschung sein wird. Das aber ist natürlich kein guter Beginn für ein Leben. Vor allem kann sich die Gewissheit, mit diesem Geschlecht nicht erwünscht zu sein, schon vorher störend auf die Entwicklung von Urvertrauen auswirken und möglicherweise – da späteres Selbstvertrauen nur auf Urvertrauen gründen kann – auch der Grund für das oft geringere Selbstvertrauen vieler Mädchen und Frauen sein.
An solchen Beispielen mag klar werden, welchen Einfluss vermeintliche Kleinigkeiten in dieser frühen Zeit haben können. Allerdings zeigt sich hier auch nur das Lebensmuster, das sich die betroffene Seele selbst ausgesucht hat; es kann nicht darum gehen, nachträglich Schuld zu verteilen. Das würde im Übrigen bereits entstandene Schäden nicht im Mindesten bessern. Es ist aber wichtig, für die Gegenwart und Zukunft um diese Zusammenhänge zu wissen.
Da die Schulmedizin erstaunlich wenig Kenntnis von diesen seelischen Zusammenhängen besitzt, wird auch die Beziehung zwischen späteren Problemen und den frühen Auslösesituationen oft übersehen. Aus diesem Grund wiederum ändern sich die Zustände nur so langsam. Obwohl immer mehr sensible Mütter diese Zusammenhänge spüren, werden sie von den schulmedizinischen Betreuern meist nicht ernst genommen.
Die Enttäuschung der Eltern über ein unerwünschtes Geschlecht ist aus seelischer Sicht viel weniger gravierend als die Probleme auf Seiten des Kindes. Schwierigkeiten mit der eigenen Geschlechtsrolle haben nicht selten ihre Wurzeln bereits in dieser frühen Zeit. Die moderne, mittels Ultraschalluntersuchung oder Amniozentese sehr frühzeitig mögliche Geschlechtsbestimmung kann deshalb im seelischen Bereich neben verschiedenen, noch im zweiten Teil zu behandelnden Nachteilen auch den Vorteil haben, Eltern die Chance zu geben, sich früher mit einem »unerwünschten« Geschlecht auszusöhnen.
Die erheblichen Auswirkungen, die bereits von solchen – gewöhnlich als harmlos eingestuften – elterlichen Wünschen und Gedanken ausgehen, lassen aber auf ihrer Kehrseite auch schon die großen Chancen vermuten, die sich ergeben, wenn sich Eltern der enormen Tragweite der Schwangerschaft bewusst sind und anfangen, diese besondere Situation zu nutzen.
Wenn Eltern die Tatsache der ständigen Bewusstheit ihres noch ungeborenen Kindes akzeptieren, wird der Verzicht auf ein Wunschgeschlecht spontan einleuchten. Eigentlich dürfte man sich nur dann zum Kinderbekommen entschließen, wenn man innerlich bereit ist, jedes Kind anzunehmen, das sich zu einem hingezogen fühlt oder das einem geschenkt wird. Ein anderes wird sich gar nicht melden, zumindest haben wir in über zwei Jahrzehnten Psychotherapie keine einzige Situation erlebt, in der eine Seele gegen ihren Willen zu einem schwierigen Leben sozusagen »vergewaltigt« worden wäre. Vergewaltigungen sind ein Problem der polaren Welt. Das Pendant auf der transzendenten Ebene wäre der von der Seele freiwillig und aus Erkenntnis akzeptierte Zwang, zu erleben und auszuleben, was sie (sich) in der Vergangenheit angerichtet hat.
Ähnliches gilt aber auch für die Eltern. So wie man in der spirituellen Philosophie davon ausgeht, dass jeder die Umstände seines Lebens unbewusst anzieht (Resonanzgesetz), ist es auch mit den Kindern. Es handelt sich hier um ein synchrones Geschehen, in das keine Kausalität hineininterpretiert werden sollte. Genauso wie sich die Seele ein Elternpaar sucht, zieht das Elternpaar die Seele an. Das muss sie aber nicht hindern, auf der intellektuellen Ebene ganz andere Wünsche zu kultivieren. Die Diskrepanz zwischen bewussten Wünschen und unbewussten Resonanzen ist nicht nur bezüglich Kindern, sondern generell die Quelle von ausgeprägtem Leid. Andererseits besteht in der Überbrückung der Kluft zwischen Unbewusstem und Bewusstsein die große Chance, Leid in Lebensfreude zu wandeln. Wer erkennt, dass er in einem so tiefen Sinn seines (Un-)Glückes Schmied ist, wird es viel leichter haben, die Aufgaben anzunehmen und sich ihnen zu stellen, wie sie auf ihn zukommen. Und da er weiß, dass er über seine eigene Resonanz sein Schicksal selbst heraufbeschwört, wird er aufhören, es zu werten. Dann aber wird jedes Geschlecht eines ungeborenen Kindes gleich akzeptabel und sogar wunderbar sein. Damit wäre echte Gleichgültigkeit erreicht, die dem Buddhismus so wichtig ist und die so meilenweit von jenem Wurstigkeitsgefühl entfernt ist, das wir im Westen oft mit Gleichgültigkeit verwechseln. Natürlich ist diese im Buddhismus Uppekha genannte innere Haltung der Gleichgültigkeit nicht so einfach und rasch zu verwirklichen, aber sie kann die Richtung weisen und Eltern hindern, sich zu sehr auf einen Wunsch festzulegen.
Sobald sich während der Schwangerschaft die Liebe zum Kind entwickelt, wird es auch leichter, konkrete Wünsche und Bedingungen aufzugeben. Die Aussage »Ich liebe dich, wenn du...« ist im Übrigen auch später eine sichere Methode, die Liebe zu behindern, wenn nicht gar zu zerstören.

Erfahrungen von Einheit – die Entwicklung von Urvertrauen

Im Idealfall, wenn sich die Seele nicht einschmuggeln musste, sondern einem von Herzen kommenden Wunsch beider Eltern folgte, werden die ersten Monate im Mutterleib in der Regel als wunderschön erlebt; sie sind oft sogar von überwältigenden Erfahrungen geprägt. Das Kind ist so weitgehend eins mit der Mutter, dass es ihr Leben wie das eigene erlebt. In seinem Fruchtblasen-Universum können Einheitserfahrungen rauschhafte Ausmaße annehmen, und ozeanische Gefühle von unbegrenzter Weite und freiem Schweben in einer traumhaften Wasserwelt erfüllen das Kind nicht selten mit ekstatischer Freude. Erinnerungen an die Grenzenlosigkeit des transzendenten Universums, die eigentliche Herkunft der unsterblichen Seele, werden nun im inneren Universum des Mutterleibes wiederbelebt und prägen im Idealfall die erste Zeit. Das allmähliche Wachsen ist damit von Empfindungen der Einheit und des Vertrauens getragen. Es geschieht in einem warmen Umfeld, das eigentlich das erste Nest der Kindheit darstellt und viel wichtiger ist als das spätere, außen entstehende Nest im Kinderzimmer, dem wir dann so viel mehr Aufmerksamkeit schenken.
Da die meisten Mütter mit ihrem Kind in weitgehender Resonanz leben, spüren auch sie das gleiche starke Verlangen nach Hingabe, Behütetsein, Weichsein und Vertrauen. Je mehr sie diese Empfindungen zulassen können und dürfen und dabei von der Familie und vom Partner aufgefangen und verstanden werden, desto eher steht diese Welt auch dem Kind offen. In einer Welt jedoch, in der diese so weiblichen mütterlichen Empfindungen weder akzeptiert noch verstanden werden, sind die Schwangeren förmlich gezwungen, extreme Emotionalität zu unterdrücken. Da die Umgebung diesen emotionalen Schwankungen und Gefühlstiefen oft hilflos gegenübersteht, werden sie leicht als Hysterie abgetan, und damit wird eine emotionale Distanz geschaffen. Mutter und Kind werden so aber um die dringend benötigte Sicherheit gebracht. Das Kind kann das erwünschte Urvertrauen schwer entwickeln. Um den letzten Rest an Sicherheit nicht aufs Spiel zu setzen, lernt das Kind schon im Mutterleib über seine Mutter, sich lieber anzupassen und auf fremde Ratschläge zu hören, anstatt auf die eigene innere Stimme.
Wie im Schlaraffenland fließt dem kleinen Wesen zu Anfang alles zum Leben Notwendige unaufgefordert und ausreichend zu – es braucht um nichts zu bitten, geschweige denn etwas dafür zu tun. Wer in dieser aus spiritueller Sicht wichtigsten Phase nicht genug von diesem (Paradies-)Gefühl abbekommt, wird sich nicht selten später immer danach sehnen und unrealistischen Träumen vom Schlaraffenland, das heißt meist von einem üppigen Leben ohne Arbeit, nachhängen. Das Land, in dem uns Bäche von Milch und Honig zufließen und uns gebratene Tauben in den Mund fliegen, ohne dass wir dafür auch nur einen Finger rühren müssten – es existiert wirklich, aber nur zu Anfang des Lebens und nur im Mutterleib, weil dieser der Einheit noch so nahe ist.
Als Bild und Gefühl von der Einheit ist die intrauterine Schlaraffenland-Erfahrung ein wichtiger und wahrscheinlich entscheidender Anreiz, um später aus der Polarität wieder bewusst zurück zur Einheit zu streben. Wer einmal eine Erfahrung der Einheit gemacht hat, wird sie erfahrungsgemäß nie mehr ganz vergessen, sondern immer als Sehnsucht in seinem Herzen tragen. Was wir von Einheitserfahrungen in Meditationen oder auch bei Nahtod-Erlebnissen sicher wissen, dürfte ebenso für den Anfang des Lebens gelten. Ein Mensch, der schon als ungeborenes Kind in Erfahrungen von Einheit gebadet und Ekstase erlebt hat, wird während seines ganzen späteren Lebens in der polaren Welt der Gegensätze immer wieder auch diese Sehnsucht nach Rückkehr in sich spüren. Deutlich mag das dann in Form von spiritueller Suche oder mystisch-religiöser Sehnsucht werden oder auch in anderen Versuchen, zur Essenz der Existenz vorzudringen. Solange das in übertragener Hinsicht etwa in Form der Suche nach Sinn geschieht, wird es das Leben befruchten und ihm Tiefe verleihen. Wo es auf äußere weltliche Ebenen projiziert wird, beginnen Probleme wie etwa Drogensucht, bei der es ebenfalls – wenn auch auf makabre Weise – um Einheits- und Ekstaseerfahrungen geht.
Einheitserfahrungen sind später also nur noch auf seelischem Weg zu erleben. Alle Versuche, sie konkret und materiell wieder herzustellen, sind zum Scheitern verurteilt. So sehr man sich auch verwöhnen lässt, so wunderbar man sein Nest gestaltet, so traumhaft das Schlafzimmer oder die eigene Villa eingerichtet ist und so herrlich der Whirlpool im Haus auch sein mag, wirkliches Einheitsempfinden, wie es so viele aus der Schwangerschaft kennen, ist über äußere Maßnahmen in der polaren Welt der Gegensätze auf Dauer nicht zu verwirklichen. Nicht einmal der eigene Samadhi-Tank, eine extra zum Erreichen von Einheitserlebnissen von dem Delfinforscher John Lilly konstruierte kleine, der Gebärmutter nachempfundene Welt, kann langfristig daran etwas ändern. Erst recht nicht können Drogen die Sehnsucht nach Ekstase auf Dauer befriedigen; die Sucht nach ihnen kann aber so frühe Wurzeln haben.
Das Leben in der anfangs geräumigen Fruchtblase kommt dem Einheitserleben am nächsten und erinnert unbewusst daran: Nirgendwo stößt das Ungeborene an harte oder gar schmerzende Grenzen, alles ist weich, und so entwickelt sich das Gefühl von Freiheit zugleich mit dem von Geborgenheit. Vom Atemrhythmus der Mutter in sanfte, wiegende Schwingung versetzt, macht das Kind im Idealfall die vom verlässlichen mütterlichen Herzrhythmus unterstützte Erfahrung von Einheit mit allem Wesentlichen, in dieser Frühzeit vor allem mit seiner Mutter. Wer diese Phase störungsfrei durchlaufen und sorgenfrei genießen konnte, dessen Seele wird es leicht haben, sich auch mit Mutter Erde eins zu fühlen und Frau Welt liebend und offen zu begegnen.
Der harmonische Gleichklang zwischen Mutter und Kind spiegelt die Harmonie zwischen Innen und Außen wider, die zeitlebens Traum der meisten Menschen bleibt. Was immer wir später auch tun, meist läuft es darauf hinaus, uns die äußere Umwelt so anzupassen, dass sie uns optimal entspricht und an die Schlaraffenland-Situation des Anfangs erinnert.
Die Farbtöne im Innern der Fruchtblase sind erdig und matt, weil alles von außen kommende Licht durch die Bauchdecken der Mutter und die Gebärmutterwand gefiltert und dabei in dunkle Töne gewandelt wird. Die weichen Grenzflächen dieser frühen Welt geben jeder Bewegung sanft und elastisch nach. Die kindlichen Sinne sind wenig gefordert und von jeder Reizüberflutung noch weit entfernt. Wahrscheinlich sind sie deswegen so empfänglich und wach. Ab dem dritten Monat schließt das Kind die dann schon gut entwickelten Augen und träumt (heute sogar messbar) vor sich hin. Das kann nichts anderes heißen, als dass es in seinen inneren Bilderwelten spazieren geht, die rein logisch nur ein Abbild erlebter Bilder(welten) sein können.
Selbst wo die Harmonie in dieser frühen Zeit nicht so ungetrübt ist, kann eine sich der ganzen Situation sehr bewusste Mutter ihr Kind gegen äußere Bedrängnisse wie etwa Beziehungsoder materielle Probleme weitgehend abschirmen, indem sie gefühlsmäßig bedingungslos zu ihm steht. Denn das Kind nimmt die Welt ja wesentlich durch ihre Gefühle und Emotionen wahr, intellektuelle Zweifel können es wenig tangieren, solange die Mutter es mit Hingabe trägt.
Die aktive Förderung der Entwicklung von Urvertrauen beim Ungeborenen kann große Freude machen, denn sie bringt die Mutter, und vielleicht auch den Vater, ihrerseits manchmal selbst bis zu Einheitserfahrungen oder wenigstens in die Nähe davon. Hierzu eignen sich all die Methoden, um ein Defizit an Urvertrauen aufzuholen, zum Beispiel der verbundene Atem, Erfahrungen beim Schweben im körperwarmen Wasser oder Meditationen (siehe auch die Seiten 48 ff., 83 ff.). Da das Ungeborene alles sehr stark über die Mutter erlebt, könnte sie die Entwicklung von kindlichem Urvertrauen auch dadurch fördern, dass sie beispielsweise die Schönheiten der Natur oder Kultur genießt und auf sich wirken lässt. Das kann berührende Erlebnisse mit den vier Elementen einschließen oder die Anregung der Seele von Mutter und Ungeborenem über Musik und äußere wie innere Bilder. Eine besondere Chance bieten die Reisen in die innere Seelenbilderwelt, weil über innere Bilder praktisch jede äußere Situation zu retten ist. Wenn es der Mutter (und durch sie eventuell auch dem Vater) gelingt, über ihre eigene innere Stimme die ihres Kindes zu erreichen, sind die Chancen für weitere positive Weichenstellungen besonders gut.
In der frühen Schwangerschaft ist es besonders wichtig, sich so zu verhalten und das eigene Leben so zu gestalten, dass es dem Ungeborenen Lust auf die Welt draußen macht. Das gelingt am besten, wenn die Mutter so lebt, dass sie selbst Lust und Freude an ihrem Leben empfindet. Eine offene Einstellung und seelische Vorbereitung (beider Eltern) auf die Schwangerschaft und das neunmonatige Leben mit dem Kind im selben Körperhaus werden auch die Entwicklung von Urvertrauen sehr fördern. Dem Kind seine zukünftige Welt in ihren erhebenden und wundervollen Seiten nahe zu bringen, das könnte das Motto für diese Zeit sein.

Schwangerschaft und Elternschaft

Visionen einer idealen Schwangerschaftsvorbereitung