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Inhalt

Cover & Impressum

Karte Namibia

Tur Tur

Hosea Kutako

Sam Nujoma

Gini

Katutura

Dickschenärie

Stigmochelys pardalis

Hilux

Sossusvlei

Neuras

Potjie

Duwisib

Angra Pequena

Lewala

Düsternbrook

Halali

Benguela

Tok Tokkie

Tweeblaarkaniedood

Martin Luther

Dunedin Star

Morris

Namibia

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2018
© Piper Verlag GmbH, München 2018
Karte: cartomedia, Karlsruhe
Covergestaltung: Birgit Kohlhaas
Covermotiv: Marco Bottigelli / Huber Images
Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, Memmingen

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Tur Tur

Zeit und Raum kennenlernen

Wenn ich in Namibia ankomme, was ich für mein Empfinden zu selten tue, oder nur an Namibia denke, was ich wahrscheinlich zu oft mache, fällt mir immer wieder Herr Tur Tur ein. Herr Tur Tur ist eine dieser fabelhaften Figuren aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, dem Kinderbuch von Michael Ende. Herr Tur Tur lebt zurückgezogen am »Ende der Welt«, einer riesigen Wüste zwischen dem menschenunfreundlichen Streifengebirge »Krone der Welt« und der noch menschenunfreundlicheren Drachenstadt »Kummerland«, der Heimat des fiesen Drachenweibs Frau Mahlzahn. Dabei ist Herr Tur Tur eigentlich ein ziemlich guter Typ, nur leider sehr einsam und auch traurig, denn er ist ein Scheinriese. Das heißt, er wirkt aus der Distanz unheimlich groß und so furchterregend, dass sich ihm kein Mensch nähern möchte. Wer allerdings auf ihn zugeht, stellt bald fest, wie er mit jedem Schritt ein wenig kleiner wird. In Wirklichkeit ist er sogar einen halben Kopf kleiner als Lukas der Lokomotivführer.

Namibia ist ebenfalls ein Scheinriese, der Herr Tur Tur der Länderkunde. Bei einem Blick auf die Landkarte ist es schließlich kaum zu übersehen. Natürlich ist das Land nicht so furchterregend weitläufig wie, sagen wir, Russland, in das Namibia zwanzigmal hineinpassen würde, oder China, das immer noch mehr als elfmal so groß ist. Doch ist Namibias Fläche größer als jene von Deutschland, Polen, Österreich und der Schweiz zusammengenommen: rund 825.000 Quadratkilometer. Auf der Liste der größten Länder liegt es im vorderen Sechstel, weit vor Europas Länderhünen Spanien oder Frankreich. Von Katima Mulilo im Nordosten an der Grenze zu Sambia bis hinunter nach Oranjemund im Südwesten des Landes sind es mehr als 2000 Autokilometer, ungefähr so viele wie von Flensburg nach Neapel. Schon die immer vor allem im Norden des Landes beheimateten Ovambo-Könige sollen das heutige Namibia die Region der »unbegrenzten Freiheit« genannt haben, und die Deutschen verloren sich während der kurzen Kolonialzeit zwischen 1884 und 1915 regelmäßig darin. Das Wort Namib entstammt wiederum der Nama-Sprache und heißt so viel wie »die Weite der Landschaft«.

Trotz dieser Größe und Weite gibt es sehr viele Menschen, die kaum etwas über das Wüstenland am Ende der Welt wissen. Das ist keine Schande, ehrlich, wahrscheinlich ist es sogar eher die Regel als die Ausnahme. Das Land hat sich irgendwie der allgemeinen Wahrnehmung entzogen. Ich selbst hielt mich als Student für einen vielversprechenden Afrikaexperten und war während einer Prüfung der Überzeugung, das Land habe seine Unabhängigkeit in der afrikanischen Dekolonisationsphase der frühen 1960er-Jahre erreicht. Das lässt sich mit einem Gemüsehändler vergleichen, der sich zwar eine Menge auf sein Grünzeug einbildet, Okra aber dennoch für einen Schwertwal hält. Nachdem ich wenig später meine Diplomarbeit über Namibia geschrieben und diverse Ecken des Landes bereist hatte, war mir das selbstverständlich auch angemessen peinlich. Ich kann heute nur deshalb mit nachlassendem Schamgefühl darüber schreiben, weil ich genau weiß, dass es Menschen gibt, die freilich noch viel weniger über Namibia wissen.

Man muss dabei gar nicht unbedingt ein flegelhaftes Trampeltier wie Donald Trump und seine Rede über »Nambias« Gesundheitssystem bemühen. Bis heute ist nicht ganz klar, ob er Gambia oder Namibia meinte und statt des Gesundheitssystems vielleicht doch eher die gesunde Natur. Aber wie gesagt: Der Mann ist nicht allein. Eine meiner durchaus weit gereisten und geschätzten Kolleginnen bei der Süddeutschen Zeitung verwechselt beispielsweise nur zu gern Kenias Hauptstadt Nairobi mit Namibia, womöglich wegen der gleichen Anfangsbuchstaben und dem Gleichklang der Namen. Dabei würde sie nie in ihrem Leben auf die Idee kommen, vom Kolosseum in Rumänien zu sprechen. Andere Bekannte verorten das Land gern in Zentral- oder Ostafrika, manchmal auch in Zentralostafrika. Und weil viele Menschen offenbar nicht wissen, wo Namibia eigentlich liegt, ist eine Reise in das Land mit den verschiedensten Ängsten verbunden: Mambas, Malaria, Menschenfresser.

Während der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 wurde ich beispielsweise immer wieder gefragt, ob ich bei meinen damals fast jährlichen Namibia-Aufenthalten keine Angst vor einer Infektion mit dem Virus hätte. Das ist insofern lustig, weil der Deutschen neueste Kolonie Spanien näher an den damals von Ebola betroffenen Ländern wie Guinea und Liberia liegt als die meisten südafrikanischen Länder. Eine sehr offenherzige Stewardess im Dienst von Qatar Airways erzählte mir auf einer Gepardensafari in der Nähe von Windhoek sogar, sie habe zuvor überhaupt noch nie von diesem Land gehört. Wie gesagt, die Frau war immerhin Stewardess.

Das Unwissen hängt einerseits mit einer gewissen Afrika-Ignoranz zusammen. Der Kontinent wird noch immer eher als große, wenn auch diffuse Einheit denn als heterogenes Gebilde verschiedener Nationen wahrgenommen. Zwischen den arabisch geprägten Maghreb-Staaten im Norden und dem Kapstaat Südafrika kommt alles in einen großen Topf der »Dreckslochländer«, wie sie von oben erwähntem US-Flegel genannt wurden (der Unterkunftsbetreiber Gondwana Collection nutzte dies für eine großartige PR-Aktion und warb mit einem Video für »one of the best shithole countries out there«). In diesem Topf verschwimmt es dann zu einer Art Afrikasuppe, in der die Einzelbestandteile ihren Charakter verlieren. Nach dem Motto: »Egal, ob Gambia oder Ghana, Hauptsache, Gabun.«

Zudem ist Namibia bei all seiner Größe irgendwie auch ein sehr kleines Land. Das heißt nun nicht, dass die Distanzen schrumpfen würden, sobald man angekommen ist. Diesbezüglich ist Namibia sogar eher ein Scheinzwerg, bei dem man die Ausmaße erst dann richtig begreift, wenn man von der abstrakten Darstellung einer Karte in die Realität wechselt und sie im Wortsinne erfährt. Als Camper ist man auf einer Rundreise schnell einmal 5000 Kilometer in drei Wochen unterwegs, und der Straßenverkehr, nun ja, der ist ein eigenes Kapitel wert. Das ist auch der Grund, weshalb Namibier gern fliegen, sofern sie es sich leisten können. Oder sie bauen sich gleich einen eigenen Flugplatz. Landesweit gibt es davon fast 600. Mehr als neunzig Prozent sind einer offiziellen Statistik zufolge in privater Hand.

Dennoch besitzt das Land bei genauem Hinsehen trotz all seiner schon von alten Ovambo-Königen und frühen Siedlern bewunderten Weite eine erstaunliche Übersichtlichkeit. Das liegt an der sehr klaren räumlichen und auch geschichtlichen Strukturierung. Selbst Marion Wallace’ umfangreiches Standardwerk A History of Namibia hat nur rund 500 Seiten – und damit ungefähr so viel wie das Telefonbuch mit sämtlichen Festnetznummern des Landes. Namibia ist oftmals Weite, unterbrochen von Einsamkeit. Trotz der gewaltigen Fläche leben hier nur etwa zweieinhalb Millionen Einwohner. Das sind in etwa so viele wie jeweils in den Ballungsräumen von Wien, Hamburg oder München, die allesamt mehr als 100-mal auf Namibias Staatsfläche Platz hätten. Es gibt Farmen, die sind größer als das gesamte Münchner Stadtgebiet.

Gehen wir einmal folgendes Gedankenspiel durch: Wir würden einen dieser europäischen Ballungsräume ausdehnen, erst auf das Doppelte, dann das Zehnfache, das Hundertfache, und die Einwohnerzahl einigermaßen konstant halten. Alles, was im reibungslosen Ablauf eines Landes wichtig ist – Straßen, Tankstellen, Supermärkte, Schulen, Wasserversorgung oder Krankenhäuser –, würde sukzessive auf eine riesige Fläche verteilt werden. Mit diesem Ausdehnen kämen auf das Staatsoberhaupt und die Verwaltung unseres namibischen Hamburgs auf einmal ganz neue Probleme zu, insbesondere dann, wenn die Menschen unterschiedliche Sprachen sprächen und mit einem völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergrund aufwüchsen. Es ist daher noch viel schwieriger als in anderen Staaten, vom Namibier an sich zu sprechen. Womöglich lässt sich selbst der Europäer einfacher generalisieren.

Diese enorme Größe des Landes, gepaart mit einer geringen Einwohnerzahl und einer in sich dennoch extrem heterogenen Bevölkerung, muss man sich auf der Reise durch das Land, die Geschichte und dieses Buch immer wieder vor Augen führen. Denn darauf gründen nicht alle, aber doch einige Probleme Namibias.

Gleichzeitig ist die geringe Bevölkerungsdichte auch eine der großen Stärken, das Kontrastprogramm nicht nur zu Europa, sondern auch zu vielen anderen afrikanischen Staaten. Ein Platzproblem gibt es jedenfalls nicht, höchstens ein Problem bei der Verteilung des Platzes. Allein in den vier nördlichen, von Reisenden kaum besuchten Regionen Omusati, Oshana, Ohangwena and Oshikoto – das O ist eindeutig der namibische Lieblingsvokal – an der Grenze zu Angola leben 900.000 Menschen (wobei das Gebiet immer noch größer ist als Niedersachsen). Noch einmal 415.000 ballen sich in der Windhoek-Region mit baden-württembergischen Ausmaßen namens Khomas. Damit siedeln auf etwas mehr als zehn Prozent der Landesfläche mehr als die Hälfte aller Einwohner. Heißt: Neunzig Prozent des Landes sind nahezu menschenleer. In der südlichsten Landesregion Karas, in der immerhin die Städte Lüderitz und Keetmanshoop liegen, hat jeder Einwohner rein rechnerisch sogar zwei Quadratkilometer für sich. Gleiches gilt für einige Communal Conservancies – das sind kleinere, von der Bevölkerung selbstverwaltete Areale mit einem gewissen Schutzgebietscharakter – im Nordwesten.

Wer sich vom Grillgeruch des Nachbarn nur dann gestört fühlt, wenn der dabei auch noch versehentlich sein eigenes Farmgebäude in Brand setzt, hat garantiert ein anderes Verhältnis zu geografischen Distanzen als ein Städter, der schon einen Fünfzig-Quadratmeter-Garten hinterm Haus für die große Freiheit hält. Die Distanz wird gewissermaßen als gottgegeben hingenommen, ohne dass sie dabei in Vergessenheit geraten würde. Geht auch gar nicht, dazu ist sie zu präsent. Das beginnt bei lästigen täglichen Alltagsaufgaben wie dem Einkauf von Lebensmitteln, der für viele Farmer und Lodgebetreiber zum Tagesausflug ausartet, und endet bei den periodisch wiederkehrenden Bürgerpflichten in einer Demokratie. Die Wahlen am 28. November 2014 waren eigentlich deshalb unvergesslich, weil erstmals in Afrika elektronische Wahlmaschinen bei der Stimmabgabe zum Einsatz kamen, ein sogenanntes E-Voting. Zu der Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, die Elektronisierung des Wahlsystems scheinbar als nächsten logischen Evolutionsschritt nach der Demokratisierung zu begreifen, sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Viele Wähler mussten stundenlang vor den Wahllokalen warten, weil der Wahlvorgang an die Zubereitung eines Fünf-Gänge-Menüs in einer Küche erinnerte, in der keiner wirklich kochen kann, geschweige denn die Geräte zu bedienen weiß.

Mir persönlich werden die Wahlen aber vor allem deshalb in Erinnerung bleiben, weil wir damals zwei Anhalter im Erongogebirge ein kleines bisschen bei ihrem Urnengang unterstützten. Sie waren Angestellte einer nahe liegenden Touristenunterkunft, saßen an einem Schotterweg direkt vor einem Farmgatter und hatten laut Selbstauskunft schon eine »ganze Weile« gewartet. Bei einem Namibier kann das – wie in weiten Teilen des afrikanischen Kontinents – ungefähr alles zwischen fünf Minuten und fünf Stunden bedeuten. Nicht umsonst ist inzwischen schon auf afrikanischen Visitenkarten und in Mini-Knigges des Manager Magazins für Afrikareisende der folgende Spruch zu finden: »Die Europäer haben die Uhr. Die Afrikaner die Zeit.«

Eigentlich hätten wir die beiden dort auch noch eine ganze weitere Weile sitzen lassen müssen, weil das Mitnehmen von Anhaltern im Kleingedruckten unseres Automietvertrags eigentlich untersagt wurde. Aber erstens haben wir das erst später gelesen, und zweitens verhält es sich mit dem Kleingedruckten in Afrika wohl ähnlich wie mit der Uhr: Man sollte zumindest in gewissen Passagen vielleicht nicht so genau darauf achten. Und was tut man nicht alles für die Demokratie, obwohl das Paar den geradezu sowjetisch anmutenden Erdrutschsieg der regierenden SWAPO-Partei wohl in keinerlei Richtung beeinflusste. Außerdem meinten die beiden nach einer Viertelstunde sehr stiller Mitfahrt auch schon, wir könnten anhalten und sie rauslassen. Rechts und links war weit und breit kein Haus zu sehen, vor uns auch nicht. Jedenfalls sind sie einfach ausgestiegen und auf einem Trampelpfad in das nach der Trockenzeit schon ziemlich verdorrte Buschland abgebogen. Das Wahllokal der Ortschaft Omaruru muss noch einige Kilometer weit entfernt gewesen sein.

Wenn für Zeit und Raum vielleicht nicht andere Maßstäbe – auch hier sind Meter und Sekunde die Basiseinheiten –, aber doch andere Vorstellungen herrschen, muss man sich nicht wundern, dass auch die Namibier ein bisschen anders ticken. Das ist keineswegs negativ gemeint. Abgesehen von einigen Einzelpersonen, die in einem Prozess des chronischen Aufplusterns ihre tatsächliche Größe vergessen, sind die meisten Namibier vor allem einfach stolz. Sie nehmen ihr Scheinriesen-Dasein dabei mit dem Selbstbewusstsein jener in sich Ruhenden hin, die hochgejazzte Modeerscheinungen aus der weiten Welt auch mal als kleines Licht vorüberziehen lassen können.

Gleichzeitig freuen sie sich aber über jeden, der sich nähert. Bei längeren Reisen stellt man immer wieder fest: Je einsamer das Anwesen, desto weniger suchen die Menschen die Distanz (natürlich gibt es auch jene Menschen, die so sehr auf Distanz gehen wollen, dass ihr Anwesen auf dem Mars liegen müsste, aber zu denen findet man im Normalfall gar nicht erst). Auf Gästefarmen – der Begriff kommt nicht von ungefähr – sitzt man beispielsweise häufig mit den Gastgebern und anderen Gästen an einem Tisch und bekommt meist einen sehr guten Einblick in das Seelenleben der Farmer. Dazu zählt auch, Offenheit zu demonstrieren, ohne sich verbiegen zu lassen. So eine Art namibisches »Mia san mia«-Verständnis, für das freilich die Bayern das Urheberrecht beanspruchen. Oft bleibt auf beiden Seiten das Gefühl: Ich höre deine Meinung, und sie mag richtig sein, ich weiß aber, dass meine richtiger ist. Weil das ohne aggressive Rechthaberei passiert, nimmt man dieses Gefühl gern in Kauf. Wahrscheinlich trägt es sogar gehörig dazu bei, dass sich inzwischen vor allem in Mitteleuropa herumgesprochen hat, was für ein netter Scheinriese dieses Namibia doch ist.

Bei Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zumindest findet der einsam-gesellige Herr Tur Tur aus der Wüste nach langem Warten die Rolle seines Lebens: Er wird der Leuchtturm eines ganzen Kontinents.

Hosea Kutako

Die neuen Helden schätzen

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass ein Buch über Namibia am besten in der Einleitung mit dem Dreisatz Wüste, Weite und Wildnis beginnen sollte, sich mit einer Schwärmerei über das schönste Reiseland der Welt im ersten Kapitel fortsetzt, ehe eine Abhandlung über die »opulente Flora und Fauna« sowie die »einzigartigen kolonialen Bauten« folgt.

Aber sollte am Anfang nicht immer einer wie Hosea Kutako stehen?

Hosea Komombumbi Kutako gehört zu jenen Menschen, mit denen man als Namibier und Namibia-Reisender unbedingt einmal reden müsste; der alten Zeiten wegen. Weil Kutako allerdings 1970 im Alter von 100 Jahren gestorben ist, geht sich ein Gespräch schon rein biologisch leider nicht mehr aus. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht mehr, wann mir als Europäer überhaupt der gewöhnungsbedürftige Klang des Namens im Gedächtnis haften blieb. Wahrscheinlich war es nach dem Besuch einer Flugsuchmaschine. Denn wie so vieles in der selbst verschuldeten Knechtschaft des digitalen Zeitalters beginnt dort heutzutage auch meist eine Reise nach Namibia. Man muss nur »Wind« in die Suchmaske eintippen, und die Suchmaschine generiert ungefragt: »Hosea Kutako International Airport«. So heißt der internationale Flughafen in der Nähe von Namibias Hauptstadt Windhoek.

Wer aus München, Frankfurt oder sonst wo aus der Welt leibhaftig dort ankommt, ist in der Regel ein Mensch, der wenig geschlafen und schlecht gegessen hat oder auch wenig gegessen und schlecht geschlafen. Jedenfalls ist die Laune häufig von einer ähnlichen Mittelmäßigkeit wie die der Einreisebeamten und damit bei Weitem zu schlecht, um sich eingehend mit dem Flughafen inmitten der namibischen Strauchlandschaft zu beschäftigen. Das ist im Grunde auch nicht nötig. Abgesehen von dem mit Angestellten überreichlich ausgestatteten Restaurant, in dem sich vor einem Abflug ein ziemlich günstiges Abschiedsbier trinken lässt, lädt der Flughafen die Menschen vor allem zu einem ein: der sofortigen Flucht, entweder in den Luftraum oder ins vierzig Kilometer entfernte Windhoek. Denn Hosea Kutako, also der Flughafen, ist zwar der größte des Landes und wirkt äußerlich genauso steril wie der eines Industrielandes (was von der Versuchung ablenkt, etwas genauer hinter die Fassade zu blicken). Aber in globalen Maßstäben gemessen, ist er ein ziemlicher Zwerg.

Man darf darin getrost ein Symbol für die internationale Bedeutung des Landes erkennen. New Yorks Flughafen namens John F. Kennedy, der Pariser Charles de Gaulle und Frankfurts No-Name-Airport schleusen jeweils etwa sechzig Millionen Passagiere jährlich durch ihre Hallen. Sogar Münchens Franz Josef Strauß, von dem ich meist abfliege, zählt 45 Millionen. Strauß war übrigens so eine Art afrikanischer Flügel der CSU-Partei, nicht nur deshalb, weil er unter anderem auf der Otjiruze-Farm in Namibia gern auf die Jagd ging, sondern auch wegen seines Führungsstils. Aber das würde zu weit weg von Windhoeks Hosea Kutako führen. Der kommt übrigens lediglich auf einen Bruchteil dieser Werte, nicht einmal auf eine Million.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Hosea Kutako, also dem Mann, den kaum jemand kennt, obwohl er 100 Jahre alt wurde. Er ist zwar einer der größten Helden des Landes, aber in globalen Maßstäben ein sehr kleiner, gewissermaßen ein Gegenentwurf zu Herrn Tur Tur. Er wird erst bei genauem Hinsehen ein Riese. Sein Bekanntheitsgrad dürfte außerhalb Namibias nicht einmal ein Fünfundsiebzigstel desjenigen von Kennedy, de Gaulle oder selbst Bayerns Strauß betragen. Das heißt aber nicht, dass er nur ein Fünfundsiebzigstel eines Kennedy, de Gaulle oder Strauß geleistet hätte. Sein Lebenslauf lässt sogar vermuten, dass der größte Flughafen des Landes für einen Epochenwanderer wie Kutako immer noch zu klein geraten ist.

Weil Namibia mehr als 100 Jahre eine Art Hinterhof der weißen Herrscher war, geriet Kutakos ganzes Leben zu einem Kampf gegen die Besatzer, erst gegen die deutsche Kolonialmacht, später gegen die südafrikanische Mandatsmacht. Während Verhandlungen suchte er dabei stets den Kompromiss statt die Konfrontation. Er geriet in Gefangenschaft, arbeitete in einer Mine bei Tsumeb, war Lehrer der Rheinischen Mission und Oberhäuptling der Herero*, jenem Volk, an dem die deutsche Schutztruppe während der Kolonialzeit Völkermord verübte.

Mit dem Wort Völkermord lässt sich übrigens eine abendfüllende Diskussion anzetteln, denn es enthält durchaus Konfliktpotenzial. Sogar seitens der deutschen Politik wurde es zur Beschreibung der deutschen Kolonialkriege gegen die Nama und Herero lange sehr dosiert bis gar nicht verwendet. Dabei gilt es für die meisten Historiker als erwiesen, dass Generalleutnant Lothar von Trotha unter anderem bei der entscheidenden Schlacht am Waterberg 1904 eine gezielte Vernichtungsstrategie gegen die Herero verfolgte und deshalb – je nach Angabe – zwischen 40.000 und 80.000 Herero starben. Das Problem ist für einige offenbar nun, wie man ein Verbrechen nennen soll, bei dem rund 65 bis 80 Prozent eines Volks (und bis 1908 etwa die Hälfte eines anderen, nämlich der Nama) gezielt getötet wurden. Neben plumpem Leugnen der Geschichte gibt es die juristisch verwinkelte Darstellung, die UN-Völkermordkonvention sei ja erst 1948 verabschiedet worden, weshalb zuvor rein definitorisch kein Völkermord möglich gewesen sei. Denn noch immer schwelt die Klage, ob die deutsche Bundesregierung dafür eine Entschädigung zahlen sollte. Wenn ja, wie viel? Und an wen eigentlich genau von wem? Kenner der Szene behaupten, dass sich doch die traditionellen Führer der Herero und Nama weder untereinander grün sind noch ihrer von den Ovambo geprägten Regierung über den Weg trauen.

Irgendwie hat man das Gefühl, dass vielleicht einer wie Kutako guttäte. Er galt als Mediator, der zumindest zeitweise die verschiedenen Strömungen innerhalb der Herero auf Linie bringen konnte und breite Unterstützung bei Sympathisanten des Unabhängigkeitskampfes besaß. Er war eine der führenden Figuren Namibias in der Universal Negro Improvement Association des Landes, gründete die erste politische Partei South West Africa National Union (SWANU), stand an der Spitze des Widerstands und wird als Vater des modernen Nationalismus in Namibia angesehen. Obwohl er selbst nicht ausreisen durfte, war er es, der bei den Vereinten Nationen eine Petition für die Unabhängigkeit Namibias initiierte, indem er unter anderem den anglikanischen Geistlichen und Anti-Apartheid-Aktivisten Michael Scott um Hilfe bat. Nach seinem Tod wurde er 1970 auf eigenen Wunsch in Okahandja begraben; direkt neben Jonker Afrikaner, einem Stammesführer der Orlam. Kutako hat damit in seinem Leben jenes Namibia hautnah erlebt, das bald nur noch in dem nicht ganz unproblematischen Schattenreich zwischen Vergessenheit und Verklärung weiterexistiert.

Wie so vieles andere in diesem Land erzählt der internationale Flughafen von Windhoek aber nicht nur etwas über die Helden der Gegenwart. Er steht auch symbolisch für den Umbruch im Land. Dazu muss man wissen: Bei seiner Eröffnung im Jahr 1964 erhielt der Flughafen den Namen Johannes Gerhardus Strijdom. Strijdom war ein Apartheidpolitiker ersten Ranges, ein Nationalist und Rassist aus dem benachbarten Südafrika, welches sich das Territorium des ehemaligen Deutsch-Südwestafrika nach dem Ersten Weltkrieg sukzessive einverleibt und die Doktrin der organisierten Rassentrennung auf das Wüstenland im Norden übertragen hatte. Beim Wikipediasieren des Namens stellt man schnell fest, dass im benachbarten Südafrika heute noch immer Plätze, Tunnel und ein Staudamm nach Strijdom benannt sind. In Namibia hielt sich Strijdom bis ins Jahr 1990, das Jahr der Unabhängigkeit, als Namensgeber des Flughafens.

Namibische Helden sind anderswo auf der Welt vielleicht nicht ganz so bekannt. Aber dafür sind sie sehr viel stärker mit (innen-)politischer Bedeutung aufgeladen und offenbar entscheidend für das Selbstbewusstsein des Landes. Neben ellenlangen Zeitungsartikeln über die Definition von Helden gibt es beispielsweise einen National Honours Act aus dem Jahr 2012. Er legt auf mehreren Seiten genau fest, wann ein normaler Mensch zum Helden oder zur Heldin wird. Die Begriffe hero und heroine werden tatsächlich explizit verwendet. Natürlich wurde auch ein Nationalfeiertag namens Heroes Day, der Heldengedenktag, ins Leben gerufen. Er erinnert jährlich am 26. August an den Beginn des Unabhängigkeitskampfes. Und während die Kennedys, de Gaulles und Straußens dieser Welt ziemlich bald nach ihrem Tod den Heldenstatus erhielten, und dies – sollte nichts Unvorstellbares passieren – mindestens für die Ewigkeit, war die Wartezeit für einige namibische Helden wie Kutako etwas länger. Dagegen war die Halbwertszeit für andere wie Strijdom oder von Trotha wiederum relativ gering.

Das hat etwas mit der Geschichte des Landes zu tun. Die ist noch ziemlich jung, zumindest wenn man Geschichte vor allem als Geschichtsschreibung begreift, und begann im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert. Wurde sie zu Beginn vor allem von Missionaren, europäischen Händlern und insbesondere den Deutschen geprägt, später dann von einer weißen Minderheit der südafrikanischen Mandatsmacht fortgeführt, erfuhr sie mit der Unabhängigkeit 1990 die vorerst letzte große Zäsur. Das Ende des Apartheidregimes liegt also noch nicht länger zurück als beispielsweise der Fall der Berliner Mauer oder jener des Eisernen Vorhangs.

Umso bemerkenswerter ist, was die Namibier seitdem geschafft haben. Und bedenkt man, wie das politische Grundverständnis Namibias geprägt wurde, nämlich von kolonialem Klassendenken, der kommunistischen Gesinnung vieler Gehilfen im Unabhängigkeitskampf und teilweise despotisch auftretenden Nachbarn, ist es ein südafrikanisch anmutendes Wunder, wie ruhig der Transformationsprozess gelaufen ist. Statt sich vom Ballast der oft kriegerischen Geschichte runterziehen zu lassen, entschieden sich die Bevölkerungsgruppen für die Versöhnung. Sie sind sich dabei bei Weitem nicht so nahe wie Ost- und Westdeutsche. Die Bandbreite des Spektrums reicht von den wirtschaftlich mächtigen Deutschstämmigen über die zahlenmäßig dominierenden Ovambo bis zu den oft vergessenen San. Aber dazu später ausführlicher.

Der Übergang von der Apartheid in einen modernen Staat ging zügig vonstatten. Die Demokratie und das semipräsidentielle System werden gemeinhin als »funktionierend« bezeichnet, auch wenn es selbst in Namibia Zeit und Köpfe benötigt, um eine Verfassung mit Leben zu füllen. Trotz aller Tendenzen zum Nepotismus und Einparteienstaat bezeichnet die Mo Ibrahim Foundation, eine Stiftung zur Förderung guter Regierungsführung, Namibia als eines der Musterländer. Beim sogenannten Ibrahim Index liegt Namibia in Sachen Good Governance weit über dem afrikanischen Durchschnitt. Im Grunde hat sich Namibia in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen mit einer Geschwindigkeit entwickelt, als hätte man einen Porschemotor in einen der hier noch immer herumfahrenden VW Golf I gesteckt. Dass da manchmal der Auspuff scheppert, die Kühlerhaube flattert oder der Motor überhitzt, weil die Kiste mit dem eigenen Tempo kaum mithalten kann, ist nur logisch.

Manchmal entsteht somit der Eindruck, dass sich die Helden wie das gesamte Land erst festrütteln müssen. Womöglich kann man sich die Helden wie die Chips in einer Tüte vorstellen. Einige von ihnen, wie Strijdom oder auch der ehemalige deutsche Kaiser Wilhelm II., zerbröselten unter dem Druck der Geschichte und rieselten in die Bedeutungslosigkeit. Andere nahmen ihren Platz auf der Heldenlandkarte ein. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Nur ein paar Kilometer außerhalb von Windhoek wurde 2002 nach einer für Namibia absolut rekordverdächtigen Bauzeit von nur 13 Monaten der Heroes’ Acre eingeweiht, zu Deutsch: Heldenacker.

Der Heldenacker ist ein riesiges Denkmalkonvolut, das sich an einem Hang der Auasberge hinaufzieht, ein Hill of Fame gewissermaßen. Die Anlage hat die Form eines Dreiecks und umfasst eine Fläche von mehreren Fußballfeldern. Oben steht ein 34 Meter hoher und mit Marmor verkleideter Obelisk, davor eine acht Meter hohe Soldatenstatue aus Bronze als Symbol für alle namibischen Freiheitskämpfer. Es gibt unter anderem eine Freilichtbühne für 5000 Zuschauer, einen riesigen Paradeplatz und 174 in schwarzem Marmor gehaltene Grabstätten für Namibias Helden, die in Wirklichkeit manchmal ganz woanders begraben liegen. Bilder und Namen wurden von Künstlern eingraviert; einige Grabstätten wurden frei gelassen für Helden, die da noch kommen mögen.

Das Gelände soll dazu dienen, »den Patriotismus und das Nationalbewusstsein zu fördern und das Erbe an zukünftige Generationen Namibias weiterzugeben«, wie es offiziell heißt. Wer den Heroes’ Acre sieht, bekommt jedenfalls unweigerlich den Eindruck, dass sich die Größe einer Nation oder zumindest der Staatslenker ganz entscheidend über die Wertschätzung für ihre Helden definiert. Womöglich sind sie der Regierung deshalb nicht nur so lieb, sondern auch teuer. Die Kosten für das Denkmal mitten im Nichts beliefen sich auf etwas mehr als sechzig Millionen Namibische Dollar, zum Zeitpunkt der Eröffnung rund sechs Millionen Euro. Kommentatoren hielten das staatliche Großprojekt deshalb mehr für ein monumentales Indiz des unter namibischen Politikern grassierenden Größenwahns als für eine wertvolle Orientierungshilfe auf der Suche nach einer nationalen Identität.

Vom Personenkult eingelullt, gerät manchmal in Vergessenheit, dass es wirklich einige Namen gibt, die man sich ruhig merken sollte und bei denen es sich lohnt, genauer hinzusehen. Zu den nationalen Helden, die bei der Einweihung des Heldenackers definiert wurden, zählen neben Kutako unter anderem Hendrik Witbooi, Samuel Maharero oder Jakob Morenga (über Morenga gibt es übrigens einen hervorragenden und gleichnamigen historischen Roman von Uwe Timm, der darin wunderbar die Absurdität der Kolonialwirtschaft beschreibt). Sie alle kämpften Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die deutschen Besatzer und begegnen einem in Namibia als Schlüsselfiguren der Geschichte immer wieder – ebenso wie die Namen der Völker, denen sie angehörten: die Herero, die Nama sowie die mit den Nama verwandten Orlam.

Hat sich einer wie Hosea Kutako, der so viel Geschichte und so viel Kampf und so wenig Unabhängigkeit miterleben durfte, erst einmal im Bewusstsein festgesetzt, läuft er einem häufiger über den Weg. Man erkennt ihn dann wie einen alten Bekannten und sieht ihn auf der Reise möglicherweise noch am Ankunftstag vor dem wirklich schön angelegten Parlamentsgarten in Windhoek auf einem Sockel sitzen. Er trägt einen Dreireiher aus Bronze, neben ihm liegt ein Gewehr am Boden, im Hintergrund steht die Christuskirche. Er schaut direkt auf das Parlament namens Tintenpalast und blickt dabei sehr grimmig drein. Als würde ihm trotz seiner großen Liebe zu diesem Land aus irgendwelchen Gründen nicht immer gefallen, was er da heute so sieht.

* Herero ist mittlerweile die gängige Bezeichnung, auch wenn manchmal die Bezeichnung Ovaherero im Plural zu lesen ist. Auf das Präfix wurde wie auch bei anderen Bevölkerungsgruppen verzichtet.